Immer höhere Naphtalin-Konzentrationen an der Melanchthonschule – Chronologie eines Skandals

Naphtalin-Funde an der Melanchthonschule. Doch es wird weiter unterrichtet. Die Schulpflegschaftsvorsitzende Alexandra Wildenheim ist schockiert und erhebt schwere Vorwürfe gegen die Behörden. Sie spricht von einem Skandal.

Von BERTHOLD BLESENKEMPER (Text und Fotos)

Winter 2016. Es ist kalt. Überall in Bocholt sitzen Kinder in geheizten Räumen und lernen. Nur zwei Klassen der Melanchthonschule am Mühlenweg frieren. Einige der Mädchen und Jungen tragen Mützen, Schals oder Mäntel während des Unterrichtes. Grund sind die überall zeitweise weit geöffneten Fenster. Eine ständige Frischluftzufuhr soll den modrigen bis beißenden  Gestank des Naphtalins vertreiben, der sich seit Monaten in den Räumen hält. Die aus dem Fußboden ausgasenden bicyclischen Kohlenwasserstoffe mit dem charakteristischem Geruch nach Mottenpulver und Teer stehen in Verdacht Krebs zu erregen. Die Lehrer führen auf Anweisung der Behörden regelmäßig und akribisch so genannte „Lüftungsprotokolle“. Viele Betroffene sind besorgt. Schüler klagen immer wieder über Atemprobleme und Kopfschmerzen. Doch die Stadtverwaltung Bocholt versichert, dass alle Grenzwerte eingehalten werden und unbedenklich weiter unterrichtet werden kann. Besonders schwer verseuchte Räume hat sie schließen lassen. In den anderen dürfe der Betrieb fortgeführt werden, hatte es noch zu Beginn des Schuljahres geheißen.

Alarmierende Ergebnisse einer Naphtalin-Untersuchung

Ein halbes Jahr später. Alarmierende Ergebnisse einer Gutachteruntersuchung. In einigen der Klassenräume, in denen die Schüler – unter ihnen offenbar auch ein schwangeres Mädchen –  ein Jahr lang weiter unterrichtet wurden, sind die Naphtalin-Konzentrationen messbar gestiegen. Sie haben den vom Bundesumweltamt herausgegebenen Vorsorgewert von 10 Mikrogramm pro Kubikmeter Raumluft, der eine Art Unbedenklichkeitsgrenze markiert, zum Teil überschritten und nähern sich dem sogenannten Gefahrenwert von 30 Mikrogramm. Die Stadtverwaltung beschwichtigt. „Die betroffenen Klassen weichen auf andere Zimmer aus, der Unterricht wird geordnet fortgeführt“, heißt es in einer Pressemitteilung vom 15. August 2017. Einige Eltern und Lehrer sind schockiert. Die Schulpflegschaftsvorsitzende Alexandra Wildenheim hält nicht länger still. „Unfassbar. Hier wird die Gesundheit unserer Kinder auf Spiel gesetzt. Die sind doch keine Versuchskaninchen“, meint die Mutter eine betroffenen Schülerin der Klasse 10 und spricht von einem Skandal.

Behörden verordnen verstärktes Lüften

Ende 2015: In dem über 100 Jahre alte Gebäude der ehemaligen Fildekenschule am Mühlenweg werden erhöhte Naphtalinwerte gemessen. Auslöser sind vermutlich alte Parkettkleber unter dem Fußboden. Bei einer Konzentration von mehr als 30 Mikrogramm pro Kubikmeter Raumluft sind laut Bundesumweltamt „gesundheitliche Gefahren bei empfindlichen Raumnutzern nicht mehr mit hinreichender Wahrscheinlichkeit auszuschließen“. In Bocholt werden bis zu 76 Mikrogramm festgestellt. Die Gutachter betonen, dass eine Vorhersage der weiteren Naphtalin-Konzentration in den betroffenen Räumen nicht möglich ist und empfehlen mittelfristig eine Sanierung der Räume innerhalb von zwei Jahren. Zwischenzeitlich könne der Naphtalinkonzentration, so betonen die Experten, „durch verstärktes Lüften (mindestens dreimal täglich für 15 Minuten über weit geöffnete Fenster und Türen) und feuchtes Wischen“ begegnet werden. Die Bocholter Stadtverwaltung reagiert entsprechend. Sie schließt die besonders schwer betroffenen Räume, lässt die Klassen umziehen und deren neue Klassenzimmer verstärkt lüften und wischen.

Schüler boykottieren Unterricht

März 2016: Knapp 40 Schüler der achten und zehnten Klasse boykottieren den Unterricht. Sie wollen die Klassenräume nicht mehr betreten. Rektor Bruno Pastor hält die Reaktionen der Schüler und Eltern im letzten Jahr vor seinem Ruhestand für übertrieben und spricht von „Panikmache“. Auch Schuldezernent Thomas Waschki appelliert an die Beteiligten, gemäßigt zu reagieren. Vergebens.

Arbeitsschutz eingeschaltet

April 2016: Einige Lehrer haben den Arbeitsschutz eingeschaltet. Doch die Stadtverwaltung hält an ihrer Unbedenklichkeitsversion fest. Sie stützt sich auf das  Gutachten. Dezernent Ludger Triphaus meint laut einem Bericht des BBV: „Wenn da dringestanden hätte ,Reißt die Schule ab!´, dann hätten wir sie abgerissen.“ Die Gesundheit der Schüler und Lehrer habe „absolute Priorität“. Gleichzeitig betont die Stadtverwaltung, dass die betroffenen Räume nach und nach saniert werden sollen. Im Rathaus plant man sogar, neben den Melanchtonschülern auch die letzten Schüler der wegen der Gründung der Gesamtschule auslaufenden Werner-von-Siemens-Realschule in dem Gebäude unterzubringen.

Realschüler bleiben draußen

Mai 2016: Entgegen den Ankündigungen vom April müssen die Realschüler nun doch nicht in das belastete Gebäude am Mühlenweg umziehen. Für sie lässt die Verwaltung stattdessen auf einem Parkplatz des Schulzentrums Südost eine 38 mal 14 Meter große Containeranlage aufstellen. Kurz vorher hatten sich Lehrer der Werner-von-Siemens-Realschule, die Angst um ihre Gesundheit hatten, massiv beschwert und die vorherigen Umzugspläne der Stadt zum Teil scharf kritisiert. Offenbar mit Erfolg. „In Bocholt gibt es eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Wer ruhig bleibt, muss in verseuchten Räumen sitzen, wer den Mund aufmacht und sich beschwert muss das nicht“, meint dazu Alexandra Wildenheim. Ein Grund mehr für sie, spätestens jetzt ebenfalls auf die Barrikaden zu gehen.

Ähnlicher Fall in Braunschweig

Dezember 2016: Das Magazin Focus berichtet über einen Naphtalin-Fall in einer Braunschweiger Schule. Dort zögert die Stadtverwaltung nicht lange und lagert die betroffenen Klassen aus. Das Magazin zitiert Stadtbaurat Heinz Neuer wie folgt: „Wir denken, es ist so richtig ist, weil es um die Gesundheit der Menschen geht. Wenn wir nicht ausschließen können, dass es das Gebäude ist, das sie schädigt, müssen wir das Gebäude vorläufig schließen.“ Im Bocholter Rathaus denkt man offenbar anders. Ein Verlagerung wäre zwar auch auch hier möglich. Schließlich stehen die alte Thonhausenschule und die Norbertschule größtenteils leer, wie die Betroffenen der Melanchthonschule von sich aus anregen. Doch am Berliner Platz hält man offenbar lieber an der Stoßlüftungslösung fest. Von der Ende 2015 von den Gutachtern empfohlenen und im April 2016 von der Stadtverwaltung zugesagten Sanierung der Räume ebenfalls keine Spur. Nur ein einziger Raum wurde nach Informationen von Made in Bocholt bis heute renoviert – und zwar das Büro des provisorischen Rektors.

Inzwischen 13 Klassenräume gesperrt

August 2017: In den Sommerferien messen die Gutachter vom Büro Wessling in Altenberge erneut. Dabei zeigt sich, dass die seit einem Jahr verschlossenen Räume nach wie vor stark, in einigen Fälle sogar weit über dem vom Bundesumweltamt deklarierten Gefahrenwert belastet sind.  Zusätzlich haben in einigen der zuvor als unbedenklich eingestuften Klassenräume die Werte nach oben verändert und liegen nun zum Teil über dem Vorsorgewert. Die Stadtverwaltung reagiert und teilt in einer Pressemitteilung mit, zusätzliche und damit nun insgesamt 13 Klassenräume der Melanchthonschule Bocholt zu sperren. Weiter wird erklärt: „Die betroffenen Klassen weichen auf andere Zimmer aus, der Unterricht wird geordnet fortgeführt.“ Im kommenden Herbst soll eine erneute Kontrolluntersuchung durchgeführt werden. Ergebnisse werden Mitte November erwartet. „Sollten dann in weiteren Räumen erhöhte Schadstoffwerte gemessen werden, werden auch diese Räume vorsorglich gesperrt. Wir werden in jedem Fall einen geordneten Unterricht sicherstellen“, so Stadtkämmerer und Gebäudedezernent Ludger Triphaus.

Schulpflegschaftsvorsitzende schockiert

Die Schulpflegschaftsvorsitzende der Melachthonschule, Alexandra Wildenheim, ist  schockiert. Sie spricht von Verzögerungs- und Hinhaltetaktik und vermutet, die Stadt wolle den Fall offenbar einfach so lange aussitzen, bis die Schule im kommenden Sommer wegen Schülermangels geordnet geschlossen werden könne. „Wir werden doch hier eindeutig verarscht“, meint die Mutter gegenüber Made in Bocholt. Da laut Gutachten die Entwicklung der Naphtalinkonzentration nicht vorhergesagt werden könne, könne auch niemand Unbedenklichkeitsgarantien abgeben, erklärt sei weiter. Umso unverantwortlicher sei das Verhalten der Behörden, so Wildenheim.

WDR-Fernsehen berichtet

Derweil zieht der Fall Kreise. Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) wird nach Erkenntnissen von Alexandra Wildenheim voraussichtlich in dieser Woche in einem Fernsehbeitrag über den Fall berichten. Weitere Enthüllungen nicht ausgeschlossen. Im thüringischen Eisenach übrigens haben vor drei Jahren in einem ähnlichen Fall Polizei und Staatsanwaltschaft ermittelt. Dort hatten die Eltern betroffener Kinder Strafanzeige wegen fahrlässiger Körperverletzung gestellt.

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