Projekt will Brücke zwischen Bocholt und den in der Nazizeit deportierten Familien schlagen

Bocholt (PID). Wenn Bocholts Erster Stadtrat Thomas Waschki im Juli zu seiner zweiten Gedenkreise nach Riga aufbricht, hat er drei Steine im Gepäck. Sie stammen von Schülerinnen und Schülern des Mariengymnasiums Bocholt. „Diese Steine sind ein Zeichen der Verbundenheit Bocholts mit den Juden, die während der Nazizeit deportiert wurden“, sagt Schulleiter Wilfried Flüchter.
Flüchter erläutert, dass es ein spezifisch jüdischer Brauch sei, die Toten durch ein vom Besucher auf einem Grabstein abgelegtes Steinchen zu ehren. Die Reise der Mitglieder des Riga-Komitees, zu dem Bocholt seit 2001 gehört, steht unter diesem Motto. „Dabei war die Vorgabe, dass die Steine, die wir dort vor Ort ablegen, von jungen Menschen ausgewählt werden, die sich bewusst mit dem Schicksal ehemaliger Bürgerinnen und Bürger ihrer jeweiligen Heimatstadt auseinander setzen“, berichtet Erster Stadtrat und Kulturdezernent Thomas Waschki, und an die Schülerschaft gerichtet: „Ich freue mich, dass ihr euch damit beschäftigt habt, und sehe es als Zeichen der Erinnerungskultur“. Gerade diese „schlimme Zeit“ dürfe nicht in Vergessenheit geraten.
Beklemmendes Gefühl
Waschki berichtete von seiner ersten Reise nach Riga. Dort habe er auf dem Weg zur Gedenkstätte, die ein langes Stück durch den Wald führte, ein „ganz beklemmendes Gefühl“ gehabt. „Wenn man diese Steine sieht und dann stehen da auf einmal die Städtenamen Münster, Osnabrück, Coesfeld und auch Bocholt darauf“, so Waschki, „dann wird einem ganz anders. Dann merkt man, dass die Vernichtung auch in unserer Stadt stattgefunden hat.“ Wichtig sei, die Erinnerung aufrechtzuerhalten. „Gerade für Euch wünsche ich mir, dass ihr nicht schweigend weiter geht, sondern aufsteht gegen radikale Ideen, die Menschlichkeit vergessen“.
Für Humanität und menschliches Leben
Lena Kohl hatte sich mit ihrer Dreiergruppe das „Buch der Erinnerung“ vorgenommen und war über eine Biografie „gestolpert“, die sie nach eigenen Worten bewegte. „Anna Andorn, geb. Löwenstein („ermordet nach dem 12. Oktober 1944 im Konzentrationslager Ausschwitz“ – Auszug aus dem Buch der Erinnerung von Josef Niebur), hätte fliehen können“, berichtet Kohl. „Sie tat es aber nicht, sondern folgte ihrem Mann sogar bis ins Konzentrationslager. Das war total beeindruckend und erschreckend, weil beide umgebracht wurden.“
Jonas Fehler betont, dass seine Gruppe mit dem Stein und dem beigefügten Brief auch ein Zeichen setzen will, „dass so etwas nie wieder passiert und dass wir Rassismus gegen andere Menschen verhindern.“ Die Steinauswahl war bei allen Gruppen unterschiedlich. „Von dem Stein, den wir ausgewählt haben, war ein Stück abgebrochen“, sagt Lena Kohl. „Das soll ein Sinnbild dafür sein, dass mit der Deportation der Juden aus Bocholt auch ein Stück abgebrochen ist.“ Monika Bandrowska fand den Stein auf einem Spaziergang: „Ich habe mir gedacht, der hat Ecken und Kanten so wie auch die Menschen, die in der Nazzeit deportiert wurden; deswegen fand ich es unfair den Juden gegenüber, dass sie als etwas anderes gesehen wurden als die anderen Menschen.“
Thomas Waschki wird am Montag, 3. Juli, als Vertreter der Stadt Bocholt im Riga-Komitee nach Riga reisen und die Steine aus Bocholt in der Gedenkstätte in Bikernieki niederlegen.

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