Serie 36,5 Grad: Urban Schneider – der Motorradphilosoph

 

Von BERTHOLD BLESENKEMPER

Die Garage ist sein Wohnzimmer. Hier gesellt sich das Milch- zum Ölkännchen, die Couch zur Werkbank, der Kaffeelöffel zum Schraubenschlüssel. In den Glasvitrinen liegen Zylinderköpfe statt Porzellanfiguren. In dieser Mischung aus Museum und Werkstatt lebt – zumindest zeitweise – Urban Schneider, Jäger und Sammler, Schrauber und Bastler, Motorradphilosoph. „Man muss schon manchmal ein wenig verrückt sein im Leben. Aber dafür macht es dann auch umso mehr Spaß“, erklärt der 50-jährige Bocholter seine Leidenschaft für Maschinen, die bevorzugt älter sind als er. Am liebsten mag Schneider die Gespanne mit Beiwagen.

Begonnen hatte alles im Alter von 14 Jahren. Der Junge aus Holtwick durfte bei einem Bekannten mitfahren und fing sofort Feuer. Das war es. Das kam dem Traum von Freiheit und Abenteuer schon sehr nahe. Gleichwohl dauerte es noch etwas, bis sich Urban Schneider selbst motorisieren durfte. Den Anfang machte eine Mobylette, eine französische Mofa. Es folgten während seiner Ausbildung zum Industriekaufmann bei einer Bocholter Türenfabrik mit einer Honda MT8 ein Leichtkraftrad,  dann mit der R25/3 von BMW die erste schwere Maschine. Zahlreiche weitere folgten. „Heute habe ich so 14 oder 15, so genau weiß ich das nicht. Vier davon  sind fahrtüchtig“, berichtet Schneider.

Der 50-Jährige versteht sich als Motorradfahrer, nicht als Biker. Der Unterschied zwischen den beiden „Spezies“ liegt im bevorzugten Tempo. Der Bocholter und seine Freunde reisen lieber statt zu rasen. Im so genannten „Blumenpflückermodus“ geht es über die Landstraßen. „Autobahn  fahre ich so gut wie nie“, erklärt Schneider.

Mehr noch als das Cruisen liebt es das Basteln. Fast macht es den Eindruck, als freue er sich insgeheim, wenn die Maschine stottert oder das Getriebe knackt. Dann wird das unter Brennholz, Bier und Lebensmitteln verstaute Werkzeug ausgepackt und es geht los. Hämmern, schrauben, ausbeulen, abdichten – was nicht passt, wird passend gemacht. Das ist dem Bocholter derart in Fleisch und Blut übergegangen, dass er sich auch beruflich entsprechend verändert hat. Heute handelt Urban Schneider mit Frisörzubehör, berät die Handwerker bei der Einrichtung ihrer Läden und legt dabei liebend gerne auch selbst mit Hand an.

Nicht anders ergeht es ihm in seinem Hobby. Hier paart sich die Kreativität mit historischem Wissen. „Man muss die Maschinen kennen, ihre Geschichte, ihren ursprünglichen Zweck“, erklärt der Motorradphilosoph. So mache es beispielsweise keinen Sinn, mit einer russischen IZH, die für den Einsatz in der Tundra in erster Linie robust und langlebig sei, über längere Zeit mit Höchstgeschwindigkeit zu rasen. „Dann geht sie eben kaputt“, so der Experte.

Apropos Russland: Eine Tour über den im sibirischen Winter zugefrorenen Baikalsee würde Urban Schneider liebend gerne einmal machen. Alternativ träumt  er von einer Langstrecken-Reise durch Deutschland oder Schweden. Bis sich das realisieren lässt, bliebt es beim Wintertreffen in den Bergen oder dem Wochenendtripp durch die heimische westfälische Parklandschaft. Voraus fährt meist ein Freund aus Ahaus. „Der ist kann so schön langsam fahren, da komme ich erst gar nicht ins Versuchung schneller zu werden. Man will ja schließlich etwas sehen“, meint Schneider.

Sehen ist die eine Sache, gesehen werden eine andere. Wo auch immer der Bocholter mit seinen Maschinen auftaucht, wird er umringt. „Man kommt mit den Menschen schnell ins Gespräch. Dann muss man erklären und erzählen“, berichtet er. Die meiste Aufmerksamkeit erzielt der 50-Jährige allerdings mit einer alten BMW R60/5 aus Polizeibeständen. Die fährt er am liebsten originalgetreu mit Wachsjacke und Jethelm und freut sich diebisch, wenn vor allem ältere Autofahrer im ersten Moment zusammenzucken, wenn sie ihn im Rückspiegel sehen oder er neben ihnen anhält. Ein Augenwinkern, dann gibt Urban Schneider vorsichtig Gas und cruist davon.

Lesen Sie diesen Bericht auch im Bocholter Stadtmagazin PAN

 

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