3D-Bauteile wie ein Foto ausdrucken

3D-Bauteile wie ein Foto ausdrucken
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Einen Fotokalender mit eigenen Photos online zu gestalten und zu bestellen, ist heute selbstverständlich. Anders in der Industrie: Ein Bauteil, einen Prototypen oder eine Kleinserie über das Internet zu konfigurieren, zu bestellen, innerhalb von wenigen Tagen zu produzieren und auszuliefern, schien bis vor kurzem noch undenkbar. Das Internet der Dinge und Industrie 4.0 machen es aber heute möglich, auch als Fertigungsbetrieb Produkte maßgeschneidert, also on demand, zu bestellen. „Der Konsumgütermarkt macht vor, welche neuen Geschäftsmodelle denkbar und erfolgreich sind. Hiesigen Unternehmen sei das Kopieren ausdrücklich empfohlen“, sagt Jürgen Paschold vom Unternehmerverband. Dieser organisierte gemeinsam mit der Westfälischen Hochschule (WH) und der Wirtschaftsförderung Bocholt das 5. Forum „Industrie 4.0 – Von der Vision in die Praxis“, zu dem am Donnerstag rund 60 Unternehmer und IT-Experten in der WH zusammenkamen.

Zwei Referenten aus der Praxis – ein Softwarehaus, das Teile produziert, und eine Fabrik 4.0, die perfekt automatisiert – stellten dazu ihre Lösungen vor. Sie stellen im „Digital Manufacturing“ Bauteile aus den unterschiedlichsten Materialien – von Silikon über Edelstahl bis hin zu Titan – in 3D-Druck oder Spritzguss her. Statt also wie bisher Material durch Drehen, Fräsen oder Lasern wegzunehmen, wird es nun in der exakt benötigen Form aufgetragen. So können Spritzgussformen und –werkzeuge sowie Blechteile genau nach Kundenangaben erstellt werden. Simon Koller von der Wirtschaftsförderung machte deutlich: „Hiesige Unternehmen müssen Kosten reduzieren, wollen ihre ‘Time to market’ optimieren oder effizienter werden. Dazu bieten digitale Schnittstellen beste Chancen.“

Der Vergleich mit dem Fotokalender macht das neue Geschäftsmodell sehr anschaulich: Die Verwendung individueller Foto-Daten, die Anwendung möglicher Korrekturfunktionen (Rote Augen Reduktion) und Verwendung eigener Layouts und schließlich der Druck in der gewünschten Größe auf dem bevorzugten Papier. Und das alles über das Internet. „Unsere Vision ist, dass auch die Industrie 3D-Bauteile wie auf Papier drucken kann“, erklärte Thomas Langensiepen. Der Division Manager CER bei der Proto Labs DE Holding GmbH demonstrierte, wie das auch bei einem Produktionsbetrieb funktionieren kann: Der Geschäftskunde bestellt sein Produkt anhand seiner CAD-Daten aus dem gewünschtem Material sowie in kurzer Lieferzeit. „Wie im Consumer-Bereich erhält der Kunde das Angebot, also den Endpreis je nach Auswahl, in Echtzeit.“ In einem solchen vollständig digitalisierten Prozess, so Langensiepen, verkürze sich die herkömmliche Lieferzeit von mehreren Wochen auf wenige Tage.

Diese digitale Revolution nutzt auch das niederländische Unternehmen 247tailorsteel B.V, von dem Dennis Helpa, Vertrieb Außendienst Mitte-West, berichtete. Sein Geschäftsfeld ist das schon seit Jahrzehnten gängige Laserschneiden und Abkanten von Metallteilen. Nicht nur die ‚on demand-Bestellung‘ in Echtzeit sei aber völlig neu. „Die Software schlägt auch vollautomatisch Verbesserungen vor, mit dem Ziel, den Einkaufsprozess des Kunden so einfach und zielführend wie eben möglich zu gestalten.“, so Helpa.

Die menschenleere Fabrik, die Digitalisierungs-Kritiker befürchten, gibt es aber bei beiden Unternehmen nicht. Nicht nur die Maschinen müssen gewartet und mit Material gerüstet werden, sondern müssen digital steuerbar sein. Hunderte IT-Experten und Software-Ingenieure beschäftige man, was auf offene Ohren beim WH-Dekan Prof. Dr. Gerhard Juen stieß: „Heute sind neben den Unternehmensvertretern auch viele Studierende dabei, die in ihrem zukünftigen Berufsleben Themen der Digitalisierung bearbeiten wollen. Tauschen Sie sich untereinander aus und treten Sie in Kontakt.“ So klang der rege Diskussionsaustausch im Hörsaal bei einem gesprächigen Get-together aus.

Das Netzwerk Industrie 4.0 „ Von der Vision in die Praxis“ startete im Januar 2016. Organisatoren sind der Unternehmerverband, die Wirtschaftsförderung Bocholt und die Westfälische Hochschule. Weitere Informationen bei den Partnern:

Unternehmerverband www.unternehmerverband.org
Wirtschaftsförderung Bocholt www.bocholt.de/wirtschaft
Westfälische Hochschule www.w-hs.de

Bildunterschrift: (v. l.): Simon Koller, Prof. Dr. Gerhard Juen, Thomas Langensiepen, Dennis Helpa und Jürgen Paschold diskutierten mit ca.60 Unternehmern und Studierenden über digitale Geschäftsmodelle für die Industrie. (Foto: Unternehmerverband)