Alles teurer, Kassen leer: Immer mehr Bocholter von Armut betroffen

Der Kühlschrank von Frau S. ist schon seit einigen Tagen leer, der Vorratsschrank so gut wie. Außer einer angebrochenen Dose Mais befinden sich nur noch die Medikamente der zweijährigen Tochter im Kühlschrank. Dabei dauert es noch zehn Tage, bis der Monat endet. „Für viele Menschen reicht das Geld in der aktuellen Situation nicht mehr zum Leben“, weiß Svenja Ehlting von der Sozialberatung der Caritas. „Auch wenn die Menschen sehr sparsam mit ihrem Geld umgehen, reicht es nicht für das Nötigste. Und das trifft nicht nur Menschen, die auf Existenzsicherung angewiesen sind, sondern auch die, die in Lohn und Brot stehen“, so Ehlting. Besonders dramatisch wirkt sich die Armut auf Kinder aus. „Es mangelt den Familien an Geld für das Nötigste. Windeln beispielsweise sind bei den Discountern und Drogeriemärkten Mangelware.

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Zu kaufen gibt es nur Markenware. Da wandern dann schnell mal 20 Euro in der Woche einfach in die Tonne – im wahrsten Sinne des Wortes. Dabei wollen auch diese Familien ihren Kindern gern gesundes Essen bieten. Aber häufig reicht es eben nur für Toastbrot und Marmelade“, sagt Svenja Ehlting, die die Supermarktpreise gut im Blick hat. Schon die Pandemie hat die Lage vieler Familien und Menschen im Sozialleistungsbezug dramatisch verschlechtert, so die Beobachtung der Fachberaterin. Die aktuelle Situation sei aber aus verschiedenen Gründen besonders dramatisch: „Nicht nur, dass die Lebensmittelpreise drastisch gestiegen sind. Hinzu kommen die enormen Mehrbelastungen im Bereich der Energiekosten. Forderungen über 400 bis 800 Euro müssen viele Familien gerade stemmen.

Und das sind die Familien, die eh schon nichts haben“, berichtet Ehlting aus ihrem Alltag. Dabei reiche zunehmend auch ein einfaches Gehalt nicht mehr aus. „Viele Menschen mit kleinem Einkommen kamen bislang gerade so über die Runden. Die komplexe Problemlage führe nun aber dazu, dass diese Familien an ihre Belastungsgrenze kommen. „Krediten können nicht mehr bedient werden, Familien verkaufen alles, was sie gerade nicht brauchen, nur um die Haushaltskasse kurz aufzubessern. Da verkaufen Menschen jetzt ihren Wintermantel, damit sie sich was zu essen kaufen können. Was die im Winter machen… soweit können die gerade gar nicht planen. Es ist nichts zu essen da. Jetzt!“

Wenn Svenja Ehlting nach dem Wochenende ihren Anrufbeantworter im Büro abhört, befinden sich darauf gut 20 Nachrichten von Menschen, die nicht wissen, was sie in den nächsten Tagen essen sollen und mindestens 5 Fotos leerer Kühlschränke. Am Montag steht das Telefon dann gar nicht still, dann melden sich noch mehr Menschen, die auf Lebensmittelgutscheine hoffen. Zusätzlich suchten in den letzten Wochen auch vermehrt Ukrainer Hilfe bei der Sozialberatung. Ungefähr 5 Haushalte pro Woche wurden im März und April bei der Sozialberatung der Caritas vorstellig. Auch die Sprechstunden der Sozialberatung von SkF und SKM sind momentan voll, weiß Svenja Ehlting aus dem Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen. Die verschiedenen Träger von Sozialberatung unterstützen sich gegenseitig und stimmen ihre Hilfen ab.

Viele der Ratsuchenden konnte Svenja Ehlting bei der Bocholter Tafel anbinden. Dort bekommen Menschen, die z.B. Sozialleistungen wie Harz IV beziehen, Lebensmittel. Da herrscht aktuell aber auch Mangel. „Wir bekommen weniger Ware als üblich, weil die Märkte nicht mehr viel abgeben können, haben aber doppelt so viel Zulauf wie sonst“, erklärt Helmut Reygers. Der 2. Vorsitender der Bocholter Tafel ist fassungslos angesichts der Lage. „Wir müssen sogar massiv Ware zukaufen, um überhaupt etwas anbieten zu können. Und viele Grundnahrungsmittel können wir nicht mal dann bekommen. Wenn wir beim Großhändler nach Reis fragen, bekommen wir statt einer, höchstens eine halbe Palette. Ketchup kann nicht geliefert werden, weil die Produktion der Plastikflaschen stockt und wenn wir nach Weizen und Nudeln fragen, lachen uns die Händler aus“, berichtet Reygers.

So kann der Tafelladen das Spendengeld gar nicht in Ware umsetzen. Allein in den vergangenen 3 Wochen kamen 56 ukrainische Haushalte dazu, die nun über die Tafel versorgt werden. Damit sind die Ukrainer nach Syrern und Deutschen die dritt größte Gruppe der Hilfesuchenden beim Tafelladen in Bocholt. Die Tafel musste daraufhin die Ausgabe reduzieren. „Wir können den neu hinzugekommenen Hilfesuchenden aus der Ukraine nun nur noch alle 14 Tage einen Termin geben. Die große Hilfsbereitschaft für die Geflüchteten aus der Ukraine verschärft die Verteilungsprobleme vor Ort. „Weil so viele haltbare Lebensmittel auf den Weg in die Ukraine geschickt werden, ist hier weniger übrig“, so Helmut Reygers. Für ihn und die ehrenamtlichen Helfer der Tafel ist die Situation damit genauso schwer erträglich, wie für Svenja Ehlting und ihre Kolleginnen und Kollegen der Sozialberatung.

„Die Not wächst, das, was verteilt werden kann, schrumpft“, resümiert Svenja Ehlting. „Für Lebensmittelgutscheine für Geflüchtet aus der Ukraine beispielsweise gibt es aktuell extra Fördertöpfe, die wir beantragen können. Um Menschen in Not zu helfen, die durch die Krise in akute Not geraten sind, gibt es diese Hilfspakte nicht. Wenn wir denen helfen wollen, brauchen wir Spenden“, so Ehlting. Das Spendengeld kann in Form von Lebensmittelgutscheinen an Menschen in Armut ausgegeben werden. Bei verschiedenen Discountern und Lebensmittelketten lassen sich die dann einlösen. 25-50€ gibt Svenja Ehlting je nach Fall aus. Damit könne eine Familie zumindest Lebensmittel für eine Woche oder Windeln kaufen. Notwendig sind die Lebensmittelgutscheine, um all denen zu helfen, die keine Berechtigung für den Tafelladen haben.

„Und das trifft mehr, als viele denken. Wir sprechen hier von Menschen, die Vollzeit arbeiten, aber zu wenig zum Leben haben, von Alleinerziehenden, die von ihrem Gehalt keine Familie ernähren können. Weil manche Leistungen, wie etwa der Kinderzuschlag mit mehreren Monaten Verzug ausgezahlt werden, müssen Familien häufig mit weniger auskommen, als ihnen eigentlich als Existenzminimum zusteht. Wie soll das gelingen? Die Menschen strengen sich an. Aber es ist einfach zu wenig Geld“, fasst Svenja Ehlting die Lage vieler Hilfesuchender zusammen. „Für viele Menschen geht das Fasten unfreiwillig also auch nach Ostern und Ramadan weiter“, sagt Svenja Ehlting betroffen. Damit sich das ändert, bittet die Caritas um Spenden für Soforthilfe.

Wer helfen möchte, kann spenden an

Caritasverband f.d. Dekanat Bocholt, IBAN: DE 89 4285 0035 0000 2069 20
Sachspenden sind bei der Tafel immer gern gesehen.

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