Bocholt verliert dramatisch an Zentralität und muss die Ärmel hochkrempeln – Eine Analyse

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„Mit Bocholt geht’s bergab!“ So titelt heute das BBV. Auslöser sind die neuesten Berechnungen der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Demnach sind die Zentralitätskennzahlen in den vergangenen zehn Jahren von 128,6 auf 11,8 Punkte stetig gesunken. Die Nachbarn aus Borken, Wesel und Kleve haben nicht nur auf-, sondern teilweise bereits überholt. Das Stadtmarketing spricht von einem „Alarmsignal“.

Was aber sind die Gründe für den schleichenden Niedergang. Dazu eine BocholtTV-Analyse von BERTHOLD BLESENKEMPER

So viel vorweg. Am Erfolg laben sich alle, aber wenn’s mal schlecht läuft, ist keiner mehr da. Dabei hat die sinkende Attraktivität Bocholts viele Ursachen. Und entsprechend groß ist die Zahl derer, die sich an die Nase fassen und die Ärmel hochkrempeln sollten.

Attraktivität

Leerstände sind die Vorboten des Abstiegs. Wenn nicht einmal mehr das „Cafe Wichtig“ in zentralster Lage neben dem historischen Rathaus schnell einen Nachmieter findet, ist das ein weithin sichtbares Zeichen. Nicht minder schlimm sind die Dauer-Leerstände in den Arkaden. Besucher reagieren sehr sensibel auf solche Signale. Hier sind die Vermieter gefragt. Solange sie es sich erlauben können, selbst große Flächen lieber brach liegen zu lassen als günstiger zu vermieten, ist das Preisniveau schlichtweg zu hoch. Das Parkhaus am Nähkasten und die Tiefgarage am Europlatz sind ebenfalls alles andere als einladend. Und wer den Gasthausplatz schon mal an einem Sonntagnachmittag besucht hat, weiß wie Ödnis aussieht.

Zentralität

Selbst für die Bocholter ist das Zentrum oft nicht mehr Anlaufpunkt Nummer eins. Beispiel Senioren. Sie zieht es immer öfter nach Stenern, weil sich dort die meisten Ärzte niedergelassen haben. Die Folge ist eine sinkende Frequenz in der Innenstadt. KuBAaI wird, so steht zu vermuten, für weitere Wanderungsbewegungen in Richtung Stadtrand sorgen.

Konkurrenzlage

Vorbei die Zeiten, als die umliegenden Städte staunend nach Bocholt geschaut und sich ihrem Schicksal ergeben haben. Borken, Wesel, Emmerich und Kleve haben ordentlich an sich gearbeitet. Winterswijk lockt mit zahlreichen verkaufsoffenen Sonntagen – gerne auch genau an den Tagen, an denen man in Bocholt ebenfalls die Ladentüren öffnet. Das ist kein Zufall. Auch locken viele Nachbarstädte mit teilweise und/oder ganz kostenlosen Parkplätzen. Von diesem enorm wichtigen Servicegedanken ist Bocholt leider noch Lichtjahre entfernt.

Digitalisierung

Der Onlinehandel macht alles kaputt, klagen die Händler. Stimmt nicht. Denn das gilt nur für die, die sich der Herausforderung nicht stellen. 40 Prozent aller Einkäufe geht heute eine Onlinerecherche voraus. Die Menschen suchen also im Netz nach Produkten. Was aber geschieht, wenn sie nach diesem Produkt in Kombination mit dem Wort Bocholt googeln? Dann stehen auf der ersten Ergebnisseite – nur einen Klick von der Bestellung entfernt – fast ausschließlich Namen wie Ebay, Amazon oder KaufDa. Diejenigen lokalen Händler, die das erkannt und eigene digitale Strategien entwickelt haben, verzeichnen hingegen Frequenzzuwächse von jährlich bis zu 20 Prozent. Es geht also.

Strategie

Es fehlt der City eine nachvollziehbare und nachhaltige Strategie. Vieles ist Zufallsprodukt. Wie zum Beispiel das kostenlose Wlan in der Stadt. Hätte die Stadtsparkasse nicht gerade Jubiläum gehabt und die Router kräftig bezuschusst, wäre es wohl nie gekommen. Aber jetzt ist es da, das digitale Zeitalter. Und nun? Was macht man nun damit außer Pokemons jagen und Flüchtlingen die kostenfreie Kommunikation mit der Heimat zu ermöglichen? Wo sind die lokalen Angebote, die innovativen interaktiven Lösungen?

Management

Bocholt braucht einen Citymanager. Der sollte vor einigen Jahren auch schon mal eingestellt werden. Daraus aber wurde aus Kostengründen leider nichts. Das ist umso bedauerlicher, als Stadtmarketingchef Ludger Dieckhues seit seiner Parallelberufung zum oberster Wirtschaftsförderer der Stadt doppelt belastet ist.

Zusammenhalt

Rat und Verwaltung sonnen sich oft und gerne im Ruhme neuer, erfolgreicher Großprojekte. Sie stehen bei Neueröffnungen stets lächelnd in der ersten Reihe. Sobald aber etwa schief läuft, schieben sie Beteiligung oder gar Mitschuld weit von sich und verweisen auf die private Zuständigkeit der Investoren. Das ist fatal. Zusammenhalt war früher eine Stärke Bocholts –in guten wie schlechten Zeiten.

Fazit

Die Bocholter Innenstadt braucht einen Plan. Händler, Vermieter, Manager, Beamte, Politiker und vor allem Querdenker müssen an einen Tisch und eine Strategie erarbeiten. Wenn die dann steht, muss Geld in die Hand genommen werden. Und zwar schnell!

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