Buen Camino (Teil 1) – von schmerzenden Beinen, neuen Freunden und unglaublichen Eindrücken

Jacqueline Reuvers pilgert seit Ostern den mehr als 800 Kilometer langen, auch Camino genannten Jakobsweg von Frankreich bis ins nordspanische Santiago de Compostella. Exklusiv für Made in Bocholt schreibt sie einen wöchentlichen Blog. Lesen Sie heute Teil 1 mit der ersten und gleich auch schwersten Etappe über die Pyrenäen, mit den ersten Blasen, vielen neuen Freunden und unglaublichen Eindrücken.

Etappe 1 – Von Saint Jean Pied de Port nach Roncesvalles – 27,8 Kilometer

1400 Meter die Pyrenäen hoch und anschließend 630 Meter wieder herunter – ich fürchte, das schaffe ich nicht. Deshalb habe ich mich entschlossen, nach 8 Kilometern Zwischenstation in der Herberge Borda zu machen. Ich laufe früh los, brauche aber dennoch fast sieben Stunden. Wahnsinn. Am nächsten Tag mache ich mich auf den Weg zum Gipfel und weiter nach Spanien. Was für ein fantastisches Panorama, was für eine Schönheit, was für eine Natur: Da fühlt man sich als Mensch ganz klein in diesen Bergen.

Unterwegs freunde ich mit Iain und Rory aus Irland an. Vater und Sohn begleiten mich noch ein Stück. Sie sind so lieb. Die emotionalste und berührendste Begegnung aber habe ich mit Jonathan aus Kanada. Er erzählt mir, dass er den Camino schon fünfmal gelaufen ist – und zwar jedes Mal dann, wenn er spürt, dass sich bei ihm gesundheitliche Probleme anbahnen.. Seine Frau hat ihn dazu gebracht. Ich kann das gut verstehen.

Etappe 2 – Von Roncesvalles nach Zubiri – 24,3 Kilometer

Buenas Dias! Der Tag fing ganz entspannt an, endete aber in einer Tortur. 8 Uhr. Ian und Rory warten schon draußen auf mich. Wir machen die obligatorischen Fotos. Es ist frisch draußen Handschuhe und Mütze sind sehr willkommen. Unterwegs Richtung Burguette erkläre ich den beiden, was eine deutsche Kegelbahn ist.

Jeder läuft hier sein eigenes Tempo. Ich bin (noch) langsamer als die anderen. Irgendwann geht es nur noch unter katastrophalen Bedingungen den Berg hinunter.  Dicke Steine, steile Abhänge, kaum bewanderbar und ich inzwischen ganz alleine. Kein Mensch zu sehen, außer der Geier, der über mir herumkreist und wahrscheinlich wartet auf seine Beute Jacqueline. Nein, nein – weiterlaufen! 😄

Der Weg nimmt kein Ende. Irgendwann begegne ich unterwegs Isabelle, eine Französin aus Bordeaux. Wir brauchen Stunden von Alto Erro bis nach Zubiri. Vor lauter Knie- und Körperschmerzen haben wir Paracetamol eingeworfen und nur gehofft, dass die Strecke endet. Endlich in Zubiri angekommen, 17.30 Uhr 😩 9 Stunden!! 45 Minuten duschen und alles eincremen was weh tut, Gott sei Dank erhole ich mich immer zügig, Augen zu und durch.

Etappe 3 – Zubiri nach Pamplona – 22,7 Kilometer

Um 4 Uhr werde ich wach von der Kirchglocke und einer Mücke, die sich andocken möchte bei mir. Ich fühle leichte Muskelschmerzen, bin aber erstaunlich fit und so dankbar, dass ich mich so schnell von der gestrigen Anstrengung erholt habe. Ich freue mich so auf Pamplona und kann es kaum abwarten loszulaufen. Es regnet, mein Poncho kommt zum Einsatz und das Jäckchen für den Rucksack auch.

Entlang von Bächen wird es durch Schlamm, Modder, dicken Steinen und Schiefer sehr rutschig.  Wenn ich jetzt in der Rio Arga stürze, wer wird mich retten? Sicherheitshalber habe ich die App „Alert Cops“ (Guardia Civil) aktiviert.

Die Wege sind wunderschön. Ich habe noch nie so viele verschiedene Farben von Grün gesehen. Es riecht so gut nach Geißblatt und frischem Gras: Ich laufe und laufe. Keine Menschenseele in Sicht, bis zwei junge Männer mit ihren Mountainbikes ankommen, Ola buen Camino!

Mein Hotel Leyre ist magnifico gelegen, direkt im Zentrum von Pamplona und nicht weit von der Altstadt entfernt. Ich gönne mir morgen einen Ruhe- und Waschtag. Iain and Rory laufen weiter nach Puenta la Reina. Ich werde sie sehr vermissen. Wir hatten so viel Spaß und Freude zusammen. Das ist auch Camino: Neue Menschen kennenlernen, aber sich auch wieder verabschieden.

Etappe 4 – Pamploma nach Puenta la Reina – 28,1 Kilometer

Ich treffe Maryann. Sie will heute mit mir laufen. Aber ich wusste nicht, dass sie derartig rennt. Nach fünf Kilometern verabschiedet Maryann sich von mir, bedankt sich, dass ich sie Pamplona rausgeschleppt habe… und rennt weiter.

Alto Perdon, der Berg der Läuterung. Ich kenne das Wahrzeichen von Fotos. Und jetzt stehe ich selbst da. Eigentlich gar nicht zu verstehen, dass ich es erst jetzt umgesetzt habe den Camino zu laufen.

Der Abstieg Richting Puenta la Reina geht schneller. Unterwegs begegne ich einem netten Franzosen. „Ver du ju kömm frömm?“ Das ist die meist gestellte Frage hier. Wir tauschen uns kurz aus und jeder geht wieder seinen Weg.  Knieschmerzen hat er – und ich auch…malheureusement.

Ich google, was die roten Flecken auf meinen Unterschenkel zu bedeuten haben. Purpura d‘effort ist es, nichts Schlimmes, aber zu viel Anstrengung heute leider. Ich muss doch schauen, dass ich ab jetzt die Etappen anders einteile.

Etappe 5 – Puenta la Reina nach Lorca – 15,1 Kilometer

Die Sonne scheint. Ich bin überglücklich nach fünf Tagen Regen und Kälte. Eigentlich soll es heute ins 21, 8 Kilometer entfernte Estella-Lizarra gehen. Aber ich schaue mal, wie weit ich komme. Ich werde mich nicht weiter überanstrengen. Dann laufe ich lieber ein paar Tage länger.

Ich mache einen kurzen Besuch in der Iglesia de Santiago. Ein durchdringender Duft von Lilien empfängt mich. Da stehen sie auf dem Altar, die schönen weißen Blumengestecke. Ich bin beeindruckt von dieser schönen Kirche und spüre den Frieden und die Ruhe um mich herum. Ich nehme mir einen Moment Zeit und denke an die Menschen, die krank sind oder gerade eine schwere Zeit durchmachen.

Nach 15 Kilometern mache ich für heute Schluss. Ich schlafe ich in der Auberge De Lorca. Als ich ankomme, bin ich todmüde vom Klettern. Der Patron kommt liebevoll mit einem Glas Wasser auf mich zu, im Hintergrund sing Luciano Pavarotti Nessun Dorma. Da sind sie wieder…..Tränen vor Müdigkeit und der Emotionen wegen dieses herzlichen Empfanges.

Lesen Sie dazu auch Jacquelines 900 Kilometer „Ich-Zeit“ im Zeichen der Muschel

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