Chefs von Spaleck und Flender warnen vor schleichender Deindustrialisierung



Vor einer schleichenden Deindustrialisierung mit einem Verlust von Arbeitsplätzen warnten Spaleck-Geschäftsführer Carsten Sühling und Flender-Chef Andreas Evertz gestern (7. Februar) im Gespräch mit Dr. Fritz Jaeckel, Hauptgeschäftsführer der IHK Nord Westfalen. Die Bocholter Industrieunternehmer machten deutlich, dass die Wirtschaft auf dem Weg zur Klimaneutralität verlässliche Rahmenbedingungen benötige und keine zusätzlichen bürokratischen Hürden.

Über neue Technologien und Geschäftsmodelle für eine ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltige Wirtschaft informierte sich IHK-Chef Jaeckel bei Betriebsbesuchen beim Maschinenbauer Spaleck und beim Antriebshersteller Flender. Für ihn steht außer Zweifel, dass „die regionale Wirtschaft hinter ihren umfassenden Nachhaltigkeitszielen steht“. In der aktuell schwachen Konjunkturlage zeige sich jedoch, dass die ökologische Nachhaltigkeit nicht losgelöst von der ökonomischen gesehen werden könne. „Nur eine international wettbewerbsfähige Wirtschaft kann der Ökologie hierzulande zu einem durchschlagenden Erfolg verhelfen“, so der IHK-Hauptgeschäftsführer.

Diese Wettbewerbsfähigkeit sieht er gefährdet. „Die Welle von neuen Pflichten, die auf die Unternehmen zurollen, sind das bürokratische Resultat von politischen Mehrheitsentscheidungen, die vor einigen Jahren getroffen worden sind, als die wirtschaftliche Situation noch eine völlig andere war“, erläuterte er und nannte als Beispiel den „unverhältnismäßig hohen Bürokratie- und Dokumentationsaufwand“ rund um die Sustainable Finance-Regelungen auf EU-Ebene. Jaeckel: „Die geplanten Berichts- und Offenlegungspflichten sowie die Praxisferne der Regelungen nehmen den Unternehmen die Luft zum Atmen.“

Das bestätigte auch Spaleck-Geschäftsführer Sühling: „Die hohen bürokratischen Anforderungen erhöhen die Komplexität der Berichterstattung und können insbesondere kleine Unternehmen schnell überfordern. Obwohl die Wirtschaft sich längst zur nachhaltigen Transformation bekannt hat, erzeugt man so Widerstände anstelle einer dringend notwendigen Aufbruchsstimmung, die wir für mehr Tempo brauchen.“ Sühling wünschte sich mehr Vertrauen in die Innovations- und Gestaltungskraft der Industrie: „Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, dann sollte man den Markt und die Industrie mal machen lassen.“

Auch Andreas Evertz, Chief Executive Officer bei Flender, kritisierte den „unverhältnismäßig hohen Bürokratie- und Dokumentationsaufwand, der aus der Komplexität und Praxisferne vieler Regelungen resultiert“. Die Politik sieht er zudem in der Pflicht, für tragbare Rahmenbedingungen in Deutschland und somit Wettbewerbsfähigkeit im globalen Vergleich zu sorgen. Dazu gehörten neben den Energiepreisen auch die Materialverfügbarkeit zu angemessen Preisen und verträgliche Steuerbelastungen. Sie seien die Voraussetzung für die Industrie, wettbewerbsfähig und nachhaltig am Standort Deutschland produzieren zu können. Nur dann könne auch Flender auf Dauer seine Aufgabe als „wichtiger Treiber der Energiewende“ erfüllen. Das Unternehmen produziert Antriebstechnik für Windenergieanlagen und viele weitere Industriebranchen. Darunter auch Antriebe für die Herstellung von Rohstoffen und Teilen, die für Windenergieanlagen benötigt werden.

Nach den Betriebsbesuchen wurde der Austausch im Textilmuseum mit Mitgliedern des IHK-Regionalausschusses für den Kreis Borken und Bocholts Bürgermeister Thomas Kerkhoff fortgesetzt. Kontrovers diskutiert wurde dabei auch die Erreichbarkeit Bocholts über Straße und Schiene. Für Gesprächsstoff sorgte die Sperrung der Ausfahrt Hamminkeln auf der A3, die für den Güterverkehr mit langen Umwegen verbunden ist. „Die witterungsbedingten Verzögerungen hätte man vielleicht vermeiden können, wenn man eine solch sensible Baumaßnahme in eine Jahreszeit legt, die nicht nass und kalt ist“, fasste Sven Wolf, IHK-Standortleiter Westmünsterland, das Meinungsbild zusammen. Bei der Planung müsse mehr auf die Besonderheiten und Bedürfnisse vor Ort geachtet werden und die regionale Wirtschaft frühzeitig eingebunden werden. Wolf: „In dichten Ballungsräumen mit vielen Ausfahrten ist die Sperrung einer Ausfahrt verkraftbarer als hier bei uns, wo die nächste Ausfahrt 15 Kilometer weiter entfernt ist und man dann auf Umwegen über die Landesstraßen und durch Ortschaften zum Ziel kommen muss.“

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