Der Missbrauchsfall Wehren und die „engen Grenzen des Sagbaren“

Von BERTHOLD BLESENKEMPER

Im Dachgeschoss des Barloer Pfarrhauses waren eigens vier kleinen Einzelzimmer eingerichtet. Unter anderem in denen missbrauchte Pastor Theo Wehren nachweislich über Jahre mehrfach minderjährige Jungen. Einige mussten ihn mit der Hand befriedigen. Andere nötigte er, ihm beim Onanieren zuzusehen. Meist waren es Kinder aus einer Jugendhilfeeinrichtung im Raum Recklinghausen. Dadurch fielen die pädophilen Neigungen des Pfarrers im Dorf selbst nicht so auf. Hier konnte sich „Kapi“, so der Spitzname des Täters, sogar ein Image als Kinderfreund aufbauen.  So zumindest beschreibt es Professor Thomas Großbölting in seinem Buch „Die schuldigen Hirten“. 

In dem geht der Leiter der Kommission der Universität Münster, die am Montag ihre 600-seitige Studie zu sexu­alisierter Gewalt in der Kirche des Bistums vorgelegt hat, ausführlich auf den Fall ein. Für den aus Dingden stammenden Historiker ist der 2011 verstorbene Geistliche ein nachgewiesener, weil strafrechtlich verurteilter Intensivtäter, der zum Teil durchaus systematisch, ja fast schon strategisch vorging und dabei von der Kirche gezielt gedeckt wurde. Schwere Vorwürfe erhebt Großbölting in diesem Zusammenhang deshalb auch gegen Personalverantwortliche und Bischöfe in Münster. Sie hätten zum Teil alles gewusst und nichts dagegen unternommen, heißt es.

Zehn Seiten widmet der Autor in seinem Buch dem Fall Wehren. Dabei geht er nicht nur auf die Abscheulichkeiten ein, sondern beschreibt auch eine gewisse Missbrauchsdynamik, die nicht zuletzt durch aktive Vertuscher und untätige Umstehende ermöglicht wurden. Als Beispiel nennt Großbölting das „insgesamt recht wohlwollende Vorgehen der Justizbehörden“ in Bocholt. Dort war der Pastor wegen sexuellen Handlungen an männlichen Jugendlichen und des sexuellen Missbrauchs von Kindern in 17 Fällen  im Jahr 1976  lediglich zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr verurteilt worden. Damit nicht genug: Anschließend informierte die Staatsanwaltschaft vorab das Bistum Münster von dem Urteil, bevor dieses offiziell per Post rausging. Öffentlichkeit und Medien blieben hingegen außer vor.

In der Barloer Gemeinde schienen dennoch einige Verdacht geschöpft zu haben. Persönliche Gespräche mit Theo Wehren oder auch mit dem Bocholter Dechanten verliefen jedoch ergebnislos. Thomas Großbölting führt das in seinem Buch auf die engen „Grenzen des Sagbaren“ zurück. Für den Historiker steht fest, dass der an sich verborgene Missbrauch oft in einem „breiteren sozialen Kontext“ stattfindet. Im Falle Wehren nennt Großbölting vor allem Bistumsvertreter, Mitgeistliche, Ordensschwestern, Richter und Staatsanwälte, aber auch Gemeindemitglieder, Nachbarn und andere „Bystanders“. Einige wussten etwas, aber alle schwiegen.

Für den Pfarrer der heute für Barlo zuständigen Gemeinde Liebfrauen, Dechant Rafael van Straelen, basiert dieses Wegsehen oder Schweigen auf einem traditionell „völlig überhöhten Priesterbild“. Seine Erkenntnis aus der für ihn erschreckenden Studie: „Die katholische Kirche muss beim Thema Sexualität zu einer kompletten Neubewertung kommen.“ Dabei ermutig van Straelen zu mehr Mut zur Offenheit.

Die Gemeinde Liebfrauen macht auf der eigenen Webseite denn auch aktiv Werbung für das Buch von Professor Thomas Großbölting. Sie wird „Die schuldigen Hirten“ in ihren Pfarrbüchereien zur Ausleihe anbieten und hat den Autor zu einer Diskussionsrunde eingeladen. 

Quelle: „Die schuldigen Hirten, Geschichte des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche“ von Thomas Großbölting (Autor), Verlag Herder, 1. Auflage 2022, ISBN: 978-3-451-38998-6, Bestellnummer: P389981

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