Die qualvolle Odyssee eines Mädchens – Teil 1: Fehldiagnose Magersucht

Eine dreiteilige Reportage von BERTHOLD BLESENKEMPER

Jasmin (Name geändert) hat die Zukunft noch vor und dabei eine Vergangenheit voller Qualen hinter sich. Die heute 16-jährige Bocholterin leidet an einem seltenen Syndrom. Die Krankheit hat es ihrem Körper lange Zeit unmöglich gemacht, ausreichend Nahrung aufzunehmen. Ärzte haben das über Jahre nicht erkannt. Jasmin wurde falsch behandelt, in eine Psychatrie eingewiesen, teilweise zwangsernährt und oft mit starken Schmerzen alleine gelassen. Erst Anfang diesen Jahres retteten die richtige Diagnose und eine anschließende Operation dem völlig abgemagerten Mädchen das Leben. Seitdem tastet sich die Bocholterin mit ihren nur noch rund 30 Kilogramm Haut und Knochen mühsam Bissen für Bissen ins Leben zurück.

Teil 1: Fehldiagnose

Sommer 2017. Jasmin ist 12 Jahre alt und ein ganz normales Mädchen. Die Schule fällt ihr leicht. Auch als Nachwuchs-Leichtathletin und beim Ballett feiert sie Erfolge. Aber ihre Zähne müssen korrigiert werden. Die Spange schmerzt. Jasmin isst in der Folge etwas weniger. „Gleichzeitig hat sie zu dieser Zeit einen enormen Wachstumsschub bekommen“, erinnert sich Mutter Petra. Die Folge: Das Kind wird schnell größer und dünner. Als das Mädchen kurz darauf wieder normal essen kann und auch will, geschieht etwas Seltsames. Der 12-Jährigen wird bei jedem Bissen schlecht. Sie leidet unter extremen Magenschmerzen und Übelkeit und verliert in der Folge rapide Gewicht.

Die Ärzte sind ratlos. Eine Magenspiegelung bleibt ohne Befund. Auch Untersuchungen im Krankenhaus bringen kein erkennbares Ergebnis. So lautet die Diagnose am Ende Anorexie, Magersucht. Jasmins Mutter ist verzweifelt. „Ich habe immer gesagt, dass das nicht sein kann. Ich kenne doch mein Kind und war überzeugt, dass es etwas anderes, irgendetwas Organisches sein muss“, schildert sie. Doch der Befund weist auf eine psychische Erkrankung hin. Die Eltern wollen das nicht akzeptieren. Dafür ernten sie Unverständnis und überwiegend böse Reaktionen. Das eigentliche Problem seien sie, weil sie die Magersucht der Tochter nicht akzeptieren und einer Therapie im Weg stehen würden, wird ihnen unter anderem vorgehalten. 

Entzug des Sorgerechtes angedroht

Jasmin wird in in eine Kinderpsychatrie überwiesen – zunächst einmal nur zur Ansicht, wie es heißt.  Doch schnell wird das Kind von den Eltern getrennt. „Uns hat man sogar offen mit einer richterlichen Anordnung und dem Entzug des Sorgerechtes gedroht“, schildert die Mutter. Jasmin ist inzwischen auf knapp über 30 Kilogramm abgemagert und wird gezwungen zu essen. Nur wenn sie eine gewisse Kalorienzahl zu sich nimmt, darf sie ihre  Eltern wiedersehen oder mit ihnen telefonieren. So sieht es ein so genannter „Verstärkerplan“ vor. „Es tat so weh. Außerdem hatte ich ständig Heimweh und nur noch Angst“, erinnert sich die junge Bocholterin. 

Jasmin unterbricht ihre Schilderung. Tränen schießen ihr in die Augen. Die 16-Jährige, die trotz ihrer Zerbrechlichkeit taff wirkt, braucht eine Pause. Mutter Petra will für sie weitererzählen. Jasmin schreitet ein. „Nein, das mache ich. Das ist meine Geschichte.“

Die Zwangsernährung

Dann berichtet sie über die Zwangsernährung. Nachdem das Kind in ein Krankenhaus gebracht worden ist, führen ihr Pfleger über die Nase gegen ihren heftigen Widerstand eine Sonde in den Magen ein. Über die bekommt Jasmin unter großen Schmerzen hochenergetische Flüssignahrung eingetrichtert. Sie reagiert instinktiv und klemmt den Zulaufschlauch mit der Hand ab. Das rettet ihr womöglich das Leben. Denn ein Überlaufen der Flüssignahrung aus dem Magen in die Lunge hätte eine in ihrem Zustand bedrohliche Entzündung auslösen können.

Die Eltern sind verzweifelt. Immer wieder insistieren sie. Vergeblich. Nach Wochen gelingt es ihnen schließlich, das inzwischen nur noch 29 Kilogramm wiegende Kind nach Hause zu holen. „Wir sind fest davon ausgegangen, dass sie uns unter den Händen wegstirbt. Aber wenigstens dass sollte zu Hause geschehen“, schildert Vater Jan.

Damals konnte niemand ahnen, dass das Martyrium noch jahrelang weitergeht – und zwar so lange, bis ein Gastroenterologe Jasmins Magen- und Darmtrakt per Ultraschall noch einmal genauer untersucht und am Ende die unfassbare Nachricht mitteilt: „Ich glaube, ich habe da etwas gefunden!“.

Teil 2: Das Wilkie-Syndrom

Teil 3: Zurück ins Leben

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