Dunkelziffer bei sexueller Gewalt hoch: Anonyme Spurensicherung im St.-Agnes-Hospital möglich

Lesezeit: ca. 3 Minuten
Im Kreis Borken bietet seit Anfang 2020 das St. Agnes Hospital in Bocholt in Kooperation mit dem Runden Tisch GewAlternativen das Modell der anonymen Spurensicherung (ASS) an. Gewaltopfer können sich dabei ohne sofortige Strafanzeige medizinisch versorgen lassen und ihre Spuren sicherstellen lassen – kostenlos und schnell. Die gesammelten Beweismittel werden bis zu zehn Jahre aufbewahrt, um den Betroffenen später eine Anzeige zu ermöglichen. Das Projekt wird durch Landesmittel NRW finanziert und wird von einem breiten Fachnetzwerk begleitet.
Im Kreis Borken wurde 2020 gemeinsam mit dem St. Agnes Hospital Bocholt die anonyme Spurensicherung (ASS) für Gewaltopfer eingeführt. Dieses Angebot ermöglicht es Betroffenen, sich unmittelbar nach einer Gewalttat medizinisch versorgen zu lassen, ohne zuvor eine polizeiliche Anzeige erstatten zu müssen. Die Spurensicherung ist kostenfrei und wird durch Förderung des Landes Nordrhein-Westfalen finanziert. Um ASS in Anspruch zu nehmen, wird Betroffenen empfohlen, sich möglichst schnell direkt im Krankenhaus zu melden und das Codewort „Anna“ zu nennen.
Dr. Veronika Kampshoff, Sprecherin des Runden Tisches GewAlternativen und Naturheilpraktikerin, weist darauf hin, dass auch scheinbar geringe Spuren relevant sind und dokumentiert werden können. Sie rät, wenn möglich, in Begleitung ins Krankenhaus zu kommen. Falls dies nicht machbar ist, stehen sieben geschulte ehrenamtliche Helferinnen zur Unterstützung bereit, die einmal jährlich eine spezielle Schulung absolvieren.
Die anonyme Spurensicherung ist besonders wichtig, weil Opfer von häuslicher Gewalt und Sexualdelikten oftmals zögern, die Tat sofort anzuzeigen. Laut Jutta Grave-Möllmann, Gleichstellungsbeauftragte des Kreises Borken und Geschäftsführerin des Runden Tisches, erleben viele Opfer Schock und Scham, was eine unmittelbare Anzeige erschwert. Dr. med. Carsten Böing, Chefarzt für Frauenheilkunde am St. Agnes Hospital, betont die Bedeutung der professionellen Beweissicherung auch ohne Anzeige.
Das Verfahren umfasst das Bereitstellen eines Spurensicherungssets im Krankenhaus. Die entnommenen Spuren und der Untersuchungsbericht werden anonym mit einer Chiffre-Nummer versehen und per Kurier an das Institut für Rechtsmedizin in Düsseldorf geschickt, wo sie bis zu zehn Jahre aufbewahrt werden. Sollten die Betroffenen sich später für eine Strafanzeige entscheiden, kann die Polizei die gespeicherten Beweismittel anfordern.
Der Runde Tisch gegen häusliche Gewalt „GewAlternativen“ wurde 2001 gegründet und vereint rund 60 Fachkräfte aus sechs verschiedenen Arbeitsgruppen, die Bereiche wie Polizei, Justiz, Medizin, Bildung und Beratung abdecken. Ziel des Netzwerks ist es, die Versorgung von Gewaltopfern zu verbessern und das öffentliche Bewusstsein für häusliche Gewalt zu steigern. Landrat Dr. Kai Zwicker fungiert als Schirmherr des Runden Tisches.
Gewaltopfer im Kreis Borken finden Unterstützung anonym und unkompliziert im St. Agnes Hospital Bocholt (Telefon 02871/200, Codewort „Anna“). Weitere Informationen zur anonymen Spurensicherung sind auf www.gewalternativen.de in sieben Sprachen verfügbar (Arabisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Persisch, Russisch und Türkisch).
