Januar 19, 2022

Ein Fall von totalem Realitätsverlust

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Naphtalin-Funde an der Melanchthonschule

Ein Kommentar von BERTHOLD BLESENKEMPER

Was geht eigentlich im Kopf dieses Kämmerers vor? Da sitzen Schüler in Winterkleidung in kalten Klassenzimmern und boykottieren zeitweise den Unterricht, weil es in den Räumen trotz regelmäßig geöffneter Fenster nach Naphtalin stinkt und sie immer öfter krank werden. Lehrer führen „Lüftungsprotokolle“. Eltern haben Angst und drohten mit Strafanzeigen. Und Ludger Triphaus faselt erst vergangene Woche noch tatsächlich von einem „geordneten Schulbetrieb“ an der Melanchthonschule. Das klingt wie ein Fall von totalem Realitätsverlust.

Wie wollen Rat und Verwaltung der Öffentlichkeit eigentlich klar machen, dass JUGENDliche in toxisch belasteten Räumen unterrichtet werden müssen, während nur weniger Meter weiter das JUGENDamt (das im übrigen zu seiner Ehrenrettung nichts dafür kann) in einem von moderner Stahl- und Glasfassade geprägten, klimatisierten Top-Gebäude residieren darf. Noch besser: Gerade erst in diesen Tagen hat die Stadt sechs Räume im Gigaset-Gebäude an der Kaiser-Wilhelm-Straße für die Feuerwehrakademie und die VHS angemietet. Nur für die Melanchthonschule gab es offenbar seit Jahren weder Raum noch Geld? Wer setzt denn da eigentlich die Prioritäten?

Man stelle sich vor, im Rathaus würden großflächig und langanhaltend bicyclische Kohlenwasserstoffe mit dem charakteristischem Geruch nach Mottenpulver und Teer sowie noch ein paar andere giftige Stoffe ausgasen. Jede Wette, dass die Verwaltungszentrale innerhalb von Stunden geräumt wäre. Da könnten noch so viele Experten regelmäßiges Lüften und Wischen empfehlen…

Selbst wenn die Gefährlichkeit geringerer Naphtalinkozentrationen in der Fachwelt umstritten ist und diverse Gutachter unterschiedlich argumentieren, hatte die Stadt im Fall der Melanchthonschule eigentlich von Anfang an keine andere Wahl. Sie hätte unverzüglich handeln und die Betroffenen aus diesem Gebäude herausholen müssen, koste es was es wolle. Stattdessen tat sie das, was sie oft tut. Sie versteckte sich – wie auch die Politik – argumentativ bequem hinter den Aussagen von Gutachtern. Pech nur, dass es beinahe für jeden Pro-Gutachter inzwischen auch einen gibt, der „Contra“ sagt. Manchmal wäre es deutlich sinnvoller, einfach mal den gesunden Menschenverstand einzusetzen und entscheiden zu lassen.

Fehlt nur noch, dass die Verantwortlichen jetzt einen auf beleidigte Leberwurst machen und den hartnäckig gebliebenen Eltern (oder wahlweise auch den Medien) die Schuld für das Bekanntwerden und den Folgen des Skandal in die Schuhe schieben wollen. Erste Ansätze dafür sind bereits zu erkennen. „Objektiv betrachtet ist eine Sperrung der Klassenräume nicht notwendig”, schiebt Ludger Triphaus heute, nachdem er sich endlich zur einzig richtigen Maßnahme durchgerungen hat, in einer Pressemitteilung hinterher. Unfassbar!

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Zur Chronologie des Skandals und die Reaktionen

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