Extreme Unterschiede beim Industrieumsatz zwischen Münsterland und Emscher-Lippe-Region

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Die schlechte Stimmung in der Industrie, die die IHK Nord Westfalen in weiten Teilen ihres Bezirks vor wenigen Wochen bei ihrer Konjunkturumfrage bilanziert hat, lässt sich jetzt mit harten Zahlen begründen: Der Umsatz der Industrieunternehmen in der Emscher-Lippe-Region ist 2025 um fast neun Prozent gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen. Im Münsterland hingegen ist er um mehr als drei Prozent gestiegen. Diesen scharfen Kontrast zeigen Berechnungen der IHK Nord Westfalen anhand aktuell vorliegender Daten aus der Landesstatistik.
Insgesamt ergab sich für den IHK-Bezirk Nord Westfalen, der das Münsterland und die Emscher-Lippe-Region umfasst, ein knappes Minus von 0,3 Prozent. Der nordrhein-westfälische Landesdurchschnitt liegt bei minus 2,5 Prozent.
Die gegensätzliche Entwicklung von Emscher-Lippe-Region und Münsterland führt die IHK Nord Westfalen vor allem auf die Unterschiede in der regionalen Wirtschaftsstruktur zurück. So ist die Emscher-Lippe-Region nach IHK-Angaben überdurchschnittlich stark abhängig von der energieintensiven Industrie. Fast 60 Prozent der gesamten Industrieumsätze der Emscher-Lippe-Region werden demnach in energieintensiven Unternehmen erwirtschaftet. Im nordrhein-westfälischen Landesdurchschnitt sind es lediglich 28,5 Prozent.
Der dramatische Umsatzverlust der Industrie in der Emscher-Lippe-Region unterstreicht für Jaeckel nochmals den politischen Handlungsdruck: „Hier ist der Strukturwandel in Echtzeit zu beobachten“, verdeutlicht der IHK-Hauptgeschäftsführer. Wenn die Politik jetzt nicht schnell reagiere und Standortbedingungen so weit verbessere, dass die Unternehmen wieder wirtschaftlich arbeiten könnten, sei es für manche Standorte zu spät. Der Umsatzrückgang sei „sichtbares Indiz einer ganz und gar nicht mehr schleichenden Deindustrialisierung“. Auf einen anhaltenden Produktionsrückgang folge nicht selten die Produktionsverlagerung.
„Die Energiepreise hierzulande sind im globalen, aber auch im europäischen Vergleich einfach zu hoch“, kritisiert Jaeckel. Und zwar „nicht erst seit Ausbruch des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine“. Er verweist auf „einen schon länger laufenden Prozess sinkender Wettbewerbsfähigkeit“. Die aktuelle Erhöhung der Energiepreise infolge des Kriegs am Persischen Golf verschärfe die Lage für die energieintensiven Betriebe nochmals.
Die Bundesregierung müsse die Reform der Energiepolitik, die sie begonnen habe, konsequent fortsetzen und mit dem Infrastruktur-Zukunftsgesetz jetzt schnell die Voraussetzung für beschleunigte Planungs- und Genehmigungsverfahren schaffen, so der IHK-Hauptgeschäftsführer. Zu den jetzt anstehenden Aufgaben der Bundesregierung gehöre zudem eine Flexibilisierung des Arbeits- und Sozialrechts, „ohne die Sozialstandards für die wirklich Bedürftigen zu senken“, stellt Jaeckel klar.
Neben den hohen Energiepreisen spielt laut IHK bei der energieintensiven Industrie die weiter spürbare Verunsicherung eine zentrale Rolle, ob die Energieversorgung auch in Zukunft überhaupt sicher und zu wettbewerbsfähigen Preisen möglich ist. „Damit verbunden ist die Frage, in welche Technik die Unternehmen gegenwärtig überhaupt investieren sollen“, verdeutlicht Jaeckel die Situation. „Ohne wirksamen Kurswechsel in der Energiepolitik, der das Vertrauen der Industrie in den Standort dauerhaft wiederherstellt, bleibt eine erhebliche Unsicherheit, die Gift ist für Investitionen“, so Jaeckel. Als weitere Standortnachteile im internationalen Wettbewerb nennt der IHK-Hauptgeschäftsführer die weiter gestiegenen Arbeitskosten, die hohe Unternehmensbesteuerung sowie die Bürokratiekosten.
„Unternehmerinnen und Unternehmer warten nicht auf den Ausgang politischer Debatten, sie müssen täglich Entscheidungen anhand harter Zahlen treffen, ob und wo sie im Interesse des Unternehmens investieren“, macht der IHK-Hauptgeschäftsführer deutlich: „Sie brauchen und suchen verlässliche Rahmenbedingungen für Investitionen, die oft auf 30 und mehr Jahre gerechnet werden.“ Aufgrund der aktuellen Situation drohen laut IHK „weiterhin unternehmerische Entscheidungen gegen den Standort“. Das gelte nicht nur für die energieintensiven Branchen in der Emscher-Lippe-Region. Bestätigt sieht Jaeckel sich durch eine aktuelle IHK-Umfrage, nach der fast jedes zweite Industrieunternehmen in Nord-Westfalen in diesem Jahr Investitionen im Ausland plant.
Auch im Münsterland musste die Industrie mancherorts Verluste hinnehmen. Etwa in dem vom Maschinenbau geprägten Kreis Warendorf (- 2,2 Prozent) und in deutlich geringerem Umfang auch im Kreis Coesfeld (- 0,7 Prozent). „Insgesamt aber“, so Jaeckel, „hat sich zumindest die Industrie im Münsterland stabilisiert oder ist gar auf einen leichten Wachstumspfad zurückgekehrt“. Wieder einmal zeige sich, wie wichtig eine möglichst große Vielfalt an Branchen und eine möglichst hohe Zahl an kleinen und mittelständischen Unternehmen sei. „Das macht das Münsterland weniger anfällig für Krisen, die hier oft später einsetzen, weniger Wirkung entfalten und meistens auch eher wieder vorbei sind“, resümiert Jaeckel.
Die Entwicklung der Industrieumsätze in den Kreisen und Kreisfreien Städten des IHK-Bezirks Nord Westfalen im Einzelnen (siehe auch Anlage):
Münsterland: Der Gesamtumsatz war 2025 mit 33,7 Milliarden Euro um 3,1 Prozent höher als im Vorjahr. Den stärksten Zuwachs gab es nach dem Kreis Steinfurt (+ 8,7 Prozent) im Kreis Borken (+ 3 Prozent) und der Stadt Münster (+ 2,1 Prozent). Rückläufig hingegen waren die Umsätze in den Kreisen Warendorf (- 2,2 Prozent) und Coesfeld (- 0,7 Prozent).
Industrielles Schwergewicht bleibt der Kreis Steinfurt mit einem Jahresumsatz von 11 Milliarden Euro. Das ist gut ein Drittel des Umsatzes, den die Industrieunternehmen des Münsterlandes insgesamt erzielen und so viel wie in der Emscher-Lippe-Region insgesamt. Nach dem Kreis Steinfurt folgen der Kreis Borken (8,9 Milliarden Euro), der Kreis Warendorf (6,5 Milliarden Euro), der Kreis Coesfeld (4,7 Milliarden Euro) und die Stadt Münster (2,7 Milliarden Euro).
Emscher-Lippe-Region: Die Industrie in der Emscher-Lippe-Region verbuchte 2025 gegenüber dem Vorjahr einen starken Rückgang von minus 8,9 Prozent auf 11,9 Milliarden Euro, ein Wert, den allein die Industrie im Kreis Steinfurt erzielt. Die größten Verluste gab es in den Städten Gelsenkirchen und Bottrop mit minus 21,3 beziehungsweise minus 16,1 Prozent, während der Industrieumsatz im Kreis Recklinghausen mit minus 3,6 Prozent vergleichsweise moderat gesunken ist.
Nach absoluten Umsatzzahlen liegt der Kreis Recklinghausen mit rund 8,6 Milliarden Euro in der Emscher-Lippe-Region vor Gelsenkirchen (2,5 Milliarden Euro) und Bottrop (0,8 Milliarden Euro). Im Vergleich innerhalb des IHK-Bezirks liegt der Kreis Recklinghausen damit knapp hinter dem Kreis Borken mit 8,9 Milliarden Euro.
Ausgewertet hat die IHK Nord Westfalen die Monatsberichte von IT.NRW für das Verarbeitende Gewerbe, in denen Betriebe mit mindestens 50 Beschäftigten berücksichtigt sind.
Billd: Dr. Fritz Jaeckel, Hauptgeschäftsführer der IHK Nord Westfalen. Foto: Mensing/IHK Nord Westfalen

