GLOSSE: Grüne Pfeile, tote Winkel, rote Aufstellflächen – ein Drama der deutschen Verkehrsphilosophie

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Von BERTHOLD BLESENKEMPER
In Bocholt gibt es Dinge, die versteht man erst, wenn man lange genug auf einer Verkehrsinsel gestanden oder in einer Behörde gesessen hat.
Zum Beispiel die Sache mit dem kleinen grünen Pfeil an der wohl meistbefahrenen Kreuzung der Stadt bei ROSE Bikes. Dort dürfen aus dem Norden kommenden Autofahrer in Richtung City und aus Süden einfahrende Verkehrsteilnehmer in Richtung Lowick nach rechts abbiegen, obwohl die Hauptampel rot zeigt (Foto oben). Der Verkehr fließt besser, alle kommen schneller voran, die Welt dreht sich weiter. Man könnte also meinen: Wenn etwas funktioniert, könnte man es vielleicht auch an anderer Stelle ausprobieren.
Genau auf diese revolutionäre Idee kamen auch die Linken im Rat. Warum nicht auch für Autofahrer aus Richtung Lowick, die zur Autobahn wollen, einen grünen Pfeil einrichten? Ein kleiner Pfeil nur. Kein Tunnel nach Holland. Kein sechsspuriger Autobahnring. Einfach nur ein grüner Pfeil.
Und damit begann das große Drama der bundesdeutschen Verkehrsphilosophie.
Denn – Achtung, jetzt wird es ernst – an genau dieser Stelle Stelle gibt es eine so genannte „Aufstellfläche für Radfahrer“ (Foto unten). Ein rot markiertes Rechteck! Verkehrsplaner bekommen bei solchen Begriffen leuchtende Augen. Denn dort könnten Radfahrer sich – wie der Name schon sagt – aufstellen, wenn sie etwa links abbiegen möchten, aber gerade leider noch kein Grün haben. Es könnte zu Rückstaus kommen. Vielleicht. Eventuell. Unter ungünstigen Umständen. Bei Schulbeginn etwa. Oder wenn der Wind falsch steht.
Und jetzt kommt die eigentliche Gefahr: Ein Autofahrer könnte bei einem grünem Pfeil einen Radfahrer übersehen, der direkt sichtbar vor ihm wartet.
Direkt sichtbar.
Vor ihm.
Man muss schon sagen: Die deutschen Verkehrsbehörden haben eine faszinierende Vorstellung von Risiko. Sichtbare Radfahrer gelten als Konfliktpotenzial. Unsichtbare dagegen offenbar als hinnehmbares Betriebsrisiko.
Denn während man sich in Deutschland heldenhaft gegen den hypothetischen Konflikt zwischen einem rechtsabbiegenden Kleinwagen und einem gut erkennbaren Fahrrad stemmt, rollen jeden Tag tonnenschwere rechtsbiegende Lkw bei pfeillosem „Normalgrün“ neben geradeaus düsenden Radlern an. Mit totem Winkel. Mit echten Gefahren. Mit echten Unfällen. Mit echten Toten und Schwerverletzten – erst vorgestern wieder in Ahaus.
Aber das scheint weniger problematisch zu sein als ein grüner Pfeil. Vielleicht, weil der tote Winkel in keiner Sitzungsvorlage rot markiert ist.
