Interkulturelles Training bei der IHK: Sprachbarrieren und Vorbehalte überwinden

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Auch Unternehmen aus Nord-Westfalen setzen auf Fachkräfte und Azubis aus Ländern außerhalb der EU, um freie Ausbildungs- und Arbeitsplätze besetzen zu können. Dabei stellt sich die Frage, wie sie diese Menschen, oft mit Fluchterfahrung, im Betrieb integrieren. Antworten suchten und bekamen Personalverantwortliche sowie Ausbilderinnen und Ausbilder von Unternehmen aus der Region bei einem interkulturellen Training bei der IHK Nord Westfalen in Münster. Im Coaching mit der Ethnologin und Dozentin Dr. Kundri Böhmer-Bauer sowie im Austausch der acht unterschiedlichen Betriebe wurde deutlich, dass es nicht nur Sprachbarrieren und kulturelle Unterschiede auf Seiten der Zugewanderten zu überwinden gilt, sondern oft auch Vorbehalte seitens der eigenen Beschäftigten.
Beim Bio-Großhändler Weiling aus Coesfeld haben von insgesamt 650 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mittlerweile mehr als 80 einen Migrationshintergrund. Sie stammen aus 34 Nationen. Manche in der Belegschaft sahen in den neuen Kolleginnen und Kollegen zunächst Konkurrenten um den eigenen Arbeitsplatz. „Wir haben das offen angesprochen“, berichtete Marco Land, Fachkraft für Arbeitssicherheit. Über den Hinweis, „wie viele Überstunden wir alle gemacht und wie händeringend wir nach Unterstützung gesucht haben“, wurde bei den meisten ein Perspektivwechsel angestoßen. „Es bleibt aber ein stetiger Prozess, an dem alle Beteiligten mitwirken müssen“, so Land. Ähnliche Erfahrungen schilderte Nadine Timmermeyer, Personalentwicklerin beim Familienunternehmen Edeka Nientied in Münster. „Hinter Vorbehalten stecken oft Sorgen vor Veränderungen“, erklärte sie. Sorgen, die durch persönliches Kennenlernen abgebaut werden, wie sie an einem konkreten Beispiel erläuterte: Nachdem sie zwei Monate zusammengearbeitet haben, verstehen sich der deutsche Kollege und der marokkanische Azubi längst sehr gut.
Mehr als 20 Auszubildende aus Nordafrika sowie Geflüchtete aus dem Iran und dem Irak hat Nientied bereits eingestellt. Timmermeyer berichtete, mit welchen Maßnahmen der Einstieg in Deutschland gelingt: „Wir unterstützen unsere Azubis bei der betrieblichen und der sozialen Integration.“ Dabei gehe es nicht nur um die Einarbeitung am Arbeitsplatz, sondern auch um Sprachunterricht, Hilfe bei der Wohnungssuche und gemeinsame Aktivitäten, zum Beispiel Sommerfeste. Ähnlich sah es Consuela Doetsch, Prokuristin beim Unternehmen Doetsch in Gelsenkirchen, einem Anbieter für Brandschutz und Industriebedarf. „Wir stellen in unserem Team bewusst das Verbindende in den Vordergrund.“ Dies gelinge zum Beispiel durch Aktionen wie Picknicks oder Bootstouren. „Wir machen außerdem sichtbar, welchen Beitrag die Menschen aus dem Ausland bei uns leisten. Das schafft Akzeptanz im Team“, erklärte sie.
Trainerin Dr. Kundri Böhmer-Bauer vermittelte zunächst, wie kulturelle Prägungen zu verschiedenen Kommunikationsstilen und unterschiedlichen Wahrnehmungen führen. Sie stellte Strategien vor, wie Unternehmen ihre Belegschaft sensibilisieren und wie sie mit möglichen Konflikten umgehen können. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Trainings übernehmen nun die Rolle von Multiplikatoren. Sie werden damit ihre Erfahrungen mit Integration auch für andere Betriebe in der Region nutzbar machen.
„Vorbilder und ihre guten Erfahrungen sind wertvoll, denn immer mehr Unternehmen stehen vor der wichtigen Aufgabe, Geflüchtete und zugewanderte Menschen erfolgreich zu integrieren“, stellte Anke Leufgen fest. Sie ist eine von drei Willkommenslotsen der IHK Nord Westfalen, die Mitgliedsbetriebe bei allen Fragen rund um die betriebliche Integration beraten. „Damit leisten wir einen Beitrag zur Fachkräftesicherung in der Region“, betont sie. Gefördert werden die IHK-Willkommenslotsen durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie.
Foto: Wie gelingt Integration? Darüber diskutierten beim interkulturellen Training (v. l.) Nadine Timmermeyer (Edeka Nientied), Marion Müller (Poppensieker & Derix GmbH & Co. KG), Marco Land (Weiling GmbH), Oliver Hildebrandt (SuperBioMarkt AG) und Noelle Vatterodt (Berief Food GmbH). Foto: Hertel/IHK


