MIT VIDEO: Wunderland Achterland – vom Zauber fliegender Bücher in Bredevoort



Von JACQUELINE REUVERS und BERTHOLD BLESENKEMPER

Goethes Gedichte stehen einträchtig neben Reys Poesie der Antipoesie. Umringt werden die beiden Bücher von Millionen von Seiten alter Literatur aus aller Herren Länder. In eine Ecke des Antiquariats „Achterland“ in der internationalen Bücherstadt Bredevoort schmiegt sich derweil eine kleine Puppenbühne auf einer improvisierten Empore eng an die Wand. Ina Frikken hat sich hinter sie gesetzt und spielt mit filigranen Figuren aus Papier das Stück von Giovanni dem Gaukler. Aufmerksamer Zuschauer ist Inhaber Rainer Heeke. Gemeinsam wollen der Bocholter und die Wahl-Aaltenerin grenzübergreifend Kleinkunst fördern und Menschen zusammenbringen. „In Krisenzeiten wie heute braucht es nun mal Visionäre“, meinem die beiden.

Rainer Heeke ist einer der Mitbegründer der internationalen Bücherstadt Bredevoort. Die wurde in den 90er Jahren nach dem Beispiel des walisischen Ortes Hay-on-Wye ins Leben gerufen und brachte Leben zurück in das Dorf. „Schon zum ersten Büchermarkt kamen mehr als 200 Händler. Es herrschte regelrecht eine Goldgräberstimmung“, erinnert sich der Bocholter. 

Dann aber kam des Internet und verpasste  als erstes dem Buchhandel einen mächtigen Dämpfer. „Die Sammler konnten plötzlich bequem von zu Hause aus suchen und kaufen. Das war natürlich Gift für uns“, erinnert sich der Antiquar.

Der Buchhändler ging deshalb erst einmal zurück in seinen gelernten Beruf als Sozialpädagoge und betreute fünf Jahre lang in Bocholt Flüchtlinge. Danach zog es ihn jedoch zurück über die Grenze nach Bredevoort. Hier lernte er die Malerin und Bildhauerin Ina Frikken (71) kennen, die in dem malerischen Dorf zusammen mit ihrem Lebenspartner Ton Jahre zuvor das kleinste Theater der Niederlande aufgebaut hatte. In dessen gerade Mal zehn Quadratmeter großen Zuschauerraum fanden lediglich 14 Besucher Platz. Mit dem plötzlichen Tod von Ton gab Ina die Idee allerdings zunächst einmal auf

Erst als sie eine Wohnung suchte und über dem Antiquariat „Achterland“ – im übrigen eine Zusammensetzung aus den Begriffen Achterhoek und Westmünsterland – eine Unterkunft fand, flammte die alte Lieben zur Kleinkunst wieder auf. Gemeinsam mit der Freundin Nelleke Dansen schrieb sie ein eine Geschichte über  Bücher, die ungenutzt in der Ecke liegen, zu neuem Leben erwachen und entfliehen. „Ze ziet ze vliegen…“, so das Stücks, das die beiden mit viel Liebe bühnentauglich machten. 

Für Rainer Heeke ist das Bild der vergessenen und verzweifelt davonfliegenden Literatur nahezu sinnbildlich für die moderne, schnelllebige Zeit. Der 70-Jährige glaubt jedoch fest an die Renaissance des Buches. „Wenn im Internet alles nur noch Fake ist und einige wenige alles andere dominieren, wird es eine Rückwärtsbewegung geben und die Leute werden die Bücher wiederentdecken, schon allein weil die glaubhaft sind“, meint er. Sagt’s und macht sich daran, sein 24 Stunden lang sieben Tage die Woche geöffnetes Außenregal, mit weiteren Klassikern der Literatur zu bestücken. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert