Professor Dr. med. Gerhard Trabert über den Teufelskreis Armut



Ehrenamtliche, die benachteiligten und oft verzweifelten Menschen helfen, stecken nach Ansicht von Professor Dr. med. Gerhard Trabert in einer Zwickmühle. „Sie leisten eine tolle Arbeit und werden gebraucht. Aber gleichzeitig stabilisieren sie das Unrechtssystem in unserer Gesellschaft. Denn eigentlich wäre es Aufgabe des Staates, ihre Arbeit zu übernehmen“, meinte der Mediziner aus Mainz gestern zur Eröffnung der vierten Woche der Armut in Bocholt. Er räumte mit dem aus seiner Sicht vor allem von vielen Politikern weit verbreiteten Irrglauben auf, in Deutschland sei jeder Mensch durch die Sozialsystem ausreichend abgesichert und untermauerte das mit einer Vielzahl von statistischen Fakten.

Beispiel Bürgergeld. Ein Kind im Alter von 0 bis 5 Jahren erhalte pro Tag durchschnittlich 3,48 Euro täglich für Essen. „Da muss ich Ihnen nicht lange erklären, dass das heutzutage für drei Mahlzeiten am Tag nicht ausreicht“, so Trabert. Die Folge sei, dass viele armen Menschen vor allem billige und schlechte Lebensmittel kauften. Das führe häufiger zu Krankheiten und damit nachweislich auch Jahre früher zum Tod.

Und schnell gerate man in einen Teufelskreis. Denn Krankheit sei nach Arbeitslosigkeit und Scheidung der dritthäufigsten Grund für einen massiven sozialen Abstieg, selbst für Besser- und Gutverdienende. Professor Dr. med. Gerhard Trabert plädiert dafür, mit Betroffenen vor allem „gleichwürdig“ zu sprechen und sie ernst zu nehmen. Denn oft lösten Missachtung oder ein abwertendes Verhalten der Gesellschaft bei den Betroffenen ein noch viel größere Trauma aus als ihre ohnehin schon schlimme Situation

Auch die pauschalierte Meinung, Bürgergeldempfänger würden den Sozialstaat massenhaft betrügen, entlarvte er als falsch. „Die Betrugsquote liegt nachweislich bei drei Prozent. Ich kann ihnen versichern, dass der durch Steuerhinterziehung entstandene Schaden jährlich weitaus höher ist“, so der Referent.

Lob hatte Dr. med. Gerhard Trabert für die Organisatoren der Bocholter Woche der Armut parat. „Zu den Menschen zu gehen und mit ihnen unmittelbar mit ihnen über Themen wie gesunde Ernährung und Gesundheit zu sprechen, ist genau der richtige Weg“, meinte der Mainzer.

Die Veranstalter der Woche der Armut in Bocholt haben für den heutigen Dienstag (20.2.) unter anderem einen Ökotrophologin eingeladen, die im DRK-Quartierstreff Südwest am 20. Februar ab 10 Uhr wertvolle Tipps gibt, wie man sich mit kostengünstigen Lebensmitteln gesund ernähren kann. Im Quartiersbüro an der Münsterstraße gibt es am gleichen Tag sogenannte „Rätselräume“ zu den Themen Bewegung (ab 11:30 Uhr) und Stressmanagement (ab 14 Uhr). Weiter geht es am Mittwoch, dem 21. Februar, mit einer Einkaufsrallye durch lokale Geschäfte und am Donnerstag, dem 22. Februar, mit einem Bewegungsangebot an der Sportbox im Friedhofsviertel sowie einem gemeinsamen Kochen in Südwest (beide ab 10 Uhr). Wie man sich clever und gesund ernährt, wird am Freitag ab 10 Uhr im Quartierstreff Mittendrin verraten. Zudem gibt es eine Koch-Challenge für Familien, bei der das Essen pro Person nicht mehr als fünf Euro kosten darf.

Das komplette Programm sowie weitere Informationen gibt es bei den Kooperationspartnern SKM, Caritas, L.I.A., DRK, Tür an Tür e.V., Engagement für Menschen und deren Rechte e.V. und der Familienbildungsstätte oder im Internet unter www.facebook.com/Woche.der.Armut.Bocholt/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert