Schäbig: Verwaltung und Politik haken Melanchthonschul-Skandal unter dem Punkt „Erfahrungen“ ab

Schäbig: Verwaltung und Politik haken Melanchthonschul-Skandal unter dem Punkt „Erfahrungen“ ab
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Ein Kommentar von BERTHOLD BLESENKEMPER

Der Melanchthonschul-Skandal in Bocholt erreicht erst jetzt, einen Monat nach der endgültigen Schließung des Gebäudes seinen Höhepunkt. Denn in den Jahren 2016 und 2017 hat die Stadt Bocholt die Schülerinnen und Schüler am Mühlenweg trotz Warnungen von Experten in zum Teil durch hohe Werte des Umweltgiftes Naphtalin belasteten Räumen unterrichten lassen. Beschwerden der Eltern kanzelte der damals zuständige Dezernent Ludger Triphaus unter dem Beifall der Politik als „Hysterie“ ab. Ärztlich attestierte Erkrankungen der Kinder wie Hautausschläge und Atemwegserkrankungen nannte er „Befindlichkeiten“. Zahlen über Rettungswageneinsätze an der Schule wurden geschönt. Und erst auf massiven Druck der Betroffenen und der Medien ließ die Verwaltung den Unterricht im August 2017 dann doch noch in Container auslagern. Die Klassen der Melanchthonschule nahmen es mit Sarkasmus. Das T-Shirt der Abschlussklasse 2018 ziert eine Gasmaske mit Giftsymbol und der Spruch: „We’ve survived“ (zu deutsch: Wir haben überlebt!).

Nur ein Jahr später wird ein ähnlich gelagerter Fall öffentlich. Diesmal wird das Naphtalin allerdings im Berufskolleg am Wasserturm entdeckt. Dort ist der Kreis Borken Schulträger. Und der zögert nicht lange. Sofort und zum Glück werden Gegenmaßnahmen ergriffen. Zurzeit wird an der ehemaligen Norbertschule ein Containerdorf für die Betroffenen errichtet (siehe eigener Bericht). Auch die Stadt Bocholt macht plötzlich einen 180-Grad-Schwenk. Triphaus-Nachfolger Daniel Zöhler geht kein Risiko ein. Und die Politik, die wenige Monate zuvor noch das zögerliche, weil kostensparende Abwarten von Triphaus geschlossen gutgeheißen hatte, lobt nun Zöhlers schnelles und verantwortungsvolles Handeln.

Vergessen sind derweil offenbar die Kinder und Lehrer der Melanchthonschule? Diesen Fall sollte man unter dem Punkt „Erfahrungen“ abhaken, meinte gestern ein städtischer Mitarbeiter während eines Ortstermins an der Norbertschule. „Die Lage war damals nicht so, dass wir sofort handeln mussten – und wir hatten keine Erfahrungen“, schlägt Peter Nebelo in die gleiche Kerbe. Aber so einfach kommt der Bürgermeister nicht davon. Die neuen Naphtalinfunde im Berufskolleg am Wasserturm und auch an der Israhel-van-Meckenem-Realschule sowie der völlig andere Umgang mit dieser Lage sind der Beweis dafür, dass Stadtverwaltung und Politik im Fall Melanchthonschule falsch gelegen und gehandelt haben. Das jetzt lapidar mit einer Art Schulterzucken und einem nach „Pech gehabt“ klingenden Hinweis auf fehlende Erfahrungen abzutun, ist schlichtweg schäbig. Denn es hatte auch damals ausreichende Warnungen gegeben. Aber die Verantwortlichen hielten es nicht einmal für nötig, mit den Betroffenen zu sprechen oder die kranken Kinder anzuschauen. Stattdessen wurde (wieder einmal) blind der Verwaltung und ihren Vorlagen sowie den selbst bestellten Gutachtern geglaubt.

Fazit: Im Fall Melanchthonschule ist mindestens eine öffentliche Entschuldigung fällig – und zwar eine der Stadtverordnetenversammlung, des Bürgermeisters und vor allem der Dezernenten Waschky und Triphaus. Und die Betonung liegt in diesem Fall auf dem Wort mindestens.

Archivfoto: Der Arzt von Natalie P. (Name geändert) hegt den Verdacht, dass das Mädchen ein allergisches Ekzem hat und rät den Eltern per Attest, die Tochter nicht mehr in der Melanchthonschule unterrichten zu lassen.

Archivfoto: Die damalige Schulpflegschaftsvorsitzende der Melanchthonschule, Alexandra Wildenheim, erhebt schwere Vorwürfe gegen die Behörden.

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