Serie 36,5 Grad: Einfach nur Milla

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VON BERTHOLD BLESENKEMPER (Text) und KIRSTEN ENK (Foto)

Sie ist ein Kind der Vorstadt. Immer schon. Im kleinen, verträumten Mussum wuchs Ludmilla Lohscheller auf. Und hierhin kehrt sie noch heute Tag für Tag zurück, wenn sich nachts die Tür des neuen Cityhotels und des nach ihr benannten  Restaurants „bei Milla“ abschließt. „Mein Zuhause ist meine Oase, mein Idyll. Da kann ich auftanken“, erklärt die 47-Jährige. Sagt es, und stürzt sich schon wieder in den Alltagsstress einer Gastronomie, die von morgens bis abends geöffnet ist. Wer da bestehen will, braucht Ellenbogen.

Nur gut, dass die Chefin das Durchsetzungsvermögen – im übertragenen Sinne – in die Wiege gelegt bekommen hat. Ludmilla wuchs als kleines, rothaariges Mädchen mit einem seltenen russischen Namen aus der Zeit des kalten Krieges auf, in der Kinder mit feurigem Schopf gerne und oft verspottet wurden. Das machte die Zeit in der Schule hart.

Mitte der 80er Jahre wurde es einfacher. Die Mussumerin absolvierte ihre mittlere Reife und eine Lehre. Das Vorstadtleben nahm seinen Gang. Hochzeit, Schwangerschaft, die Geburt ihres heute 27-jährigen Sohnes Maik, später Scheidung – Ludmilla Lohscheller klammert allzu Privates lieber aus.

Zur Gastronomie kam die 47-Jährige indes „wie die Jungfrau zum Kinde“, wie sie schmunzelnd berichtet. 2009 wurde ihr nach der Insolvenz der Bäckerei, in der sie damals arbeitete, gekündigt. Daraufhin nahm Ludmilla das Angebot an, aushilfsweise in einer Gaststätte zu arbeiten. Aus dem anfänglichen 450-Euro- wurde eine Vollzeitjob. Und die Mussumerin fand Gefallen am Kellnern und Servieren. „Ich habe halt gerne mit Menschen zu tun“, schildert Lohscheller.

In diese Zeit fiel auch die Erfindung ihres Spitznamens, der heute ihr Markenzeichen ist. „Die Gäste haben immer gefragt, warum ich Ludmilla heiße und ob ich aus dem Osten komme“, erklärt die 47-Jährige. Auf die Antwort, dass sie nach der Lieblingspuppe ihre Mutter benannt worden war und aus Mussum stamme, verzichtete sie und nannte sich fortan lieber in Kurzform „Milla“. Das war nicht nur einprägsamer, sondern ließ der Grad der Neugierde auch auf den Nullpunkt sinken. Einfach nur Milla!

Nach einiger Zeit wechselte die Spätberufene ins Werk II am Gasthausplatz. Als dort 2013 ein Wirtewechsel  anstand, bot man der Angestellten an, das Hotel-Restaurant zu pachten. „Wenn ich damals gewusst hätte, was auf mich zukommt, hätte ich es rückblickend wahrscheinlich nicht gemacht“, erinnert sich die Gastronomin. In dieser Zeit zahlte sich ihre positive Grundeinstellung aus. Millas Devise: „Irgendwie geht’s immer weiter!“

Mit viel Fleiß und Ausdauer machte sie das Werk II zu einem Anlaufpunkt. Und das, obwohl die Verlängerung des Pachtvertrages schon sehr früh in Zweifel stand. Der Immobilieneigentümer hatte wohl andere Pläne. Deshalb griff Milla ohne langes Zögern zu, als ihr die Übernahme des traditionsreichen Hauses Katteker an der Ecke Ravardistraße/Rebenstraße angeboten wurde. Die Familie Groß-Hardt hatte die Immobilie dort gekauft und plante eine Renovierung und Neugestaltung von Grund auf.

Entstanden ist ein kleines, aber sehr feines Hotel mit angeschlossener Gastronomie. „Für mich war das wie ein 6er im Lotto“, schildert Ludmilla Lohscheller. Sie konnte nicht nur Ihre Erfahrungen aus dem Werk II einbringen, sondern auch gestalterische Wünsche äußern. Kein Wunder, dass die 47-Jährige sowohl mit ihrer Person als auch im Restaurant mit dem eigenen Namen und dem Herzen hinter dem Konzept steht.

Dabei ist moderne Gastronomie alles andere als ein Zuckerschlecken. „Die größte Schwierigkeit ist es geeignetes Personal zu finden“, meint die Wirtin. Zwar wechselte ihr komplettesTeam mit vom Werk II an die Rebenstraße, doch wegen der erweiterten Öffnungszeiten dort wird Unterstützung benötigt. Die Suche dauert an. Überall springt die Chefin ständig selbst mit ein. Das erhöht den Stressfaktor. Umso mehr freut sie sich Milla dann wieder auf ihr Mussum, auf ihre trautes Heim, ihren Lebensgefährten Christian, ihre Pilates-Training im eigenen Fitnessraum und ihre Katzen Luna und Jasper. Hier ist sie Mensch, hier kann sie sein – einfach nur Milla!

Lesen Sie diesen Bericht auch im Bocholter Stadtmagazin PAN

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