Serie 36,5 Grad: Hans Flaßwinkel – Maßarbeit ist Mangelware

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Hans Floßwinkel. PAN-Foto: Kirsten Enk

Hans Floßwinkel. PAN-Foto: Kirsten Enk

Von Berthold Blesenkemper

Die linke Hand liegt sicher abgestützt auf der Werkbank. Mit der rechten zieht Hans Flaßwinkel einen kaum sichtbaren Faden durch die zusammengepressten Lippen, Die dabei aufgenommene Feuchtigkeit verleiht der hauchdünnen Baumwollschnur Stabilität. Die Brille kurz zurechtgerückt, schon gleitet die Spitze des Garns schnell und sicher durch das winzige Nadelöhr. „Gewußt wie“, meint der 77-jährige Bocholter. Einfädeln ist für ihn Routine. Seit mehr als 60 Jahren beherrscht der Schneidermeister diese Pflichtübung wie im Schlaf. Und nicht nur die. Mit Schere, Fingergut, Maßband, Nähmaschine und Bügeleisen geht er mindestens ebenso sicher um. Noch! Denn: „Irgendwann ist Schluß“, erklärt Hans Flaßwinkel. Dann wird er seine gemütliche Werkstatt an der Dinxperloer Straße für immer schließen.

Gegenwärtig aber ist der 77-jährige noch aktiv. „Die Arbeit ist ja nicht so schwer. Und ich kann besser weitermachen als nur zu Hause rumzusitzen“, berichtet der Handwerker aus Leidenschaft. Seine Kunden wissen das zu schätzen. Sie kommen zwar nicht mehr so zahlreich wie früher, dafür aber von weit her. Der Grund: Die Fingerfertigkeit und das Fachwissen des Bocholters sind selten geworden. Ändern, kürzen, reparieren – es sind allerdings vorwiegend Kleinigkeiten, die noch gefragt sind. „Meinen letzten Maßanzug habe ich vor zwei Jahren gebaut“, erinnert sich Hans Flaßwinkel.

Das war Mitte der 50er Jahren ganz anders. Damals absolvierte Hans als Sohn des Schneidermeisters Willi Flaßwinkel seine Lehre. „Als Ältester hattest du keine Wahl“, erinnert er sich. In der Werkstatt herrschte Hochbetrieb. Bis zu sieben Gesellen scharten sich um großflächigen, massiven Schneidertische. Produziert wurde alles, was die Menschen brauchten: Hosen, Jacken, Hemden, Anzüge, Mäntel. Schnitt für Schnitt, Stich für Stich Handarbeit.

Das Wandel kam mit der industriellen Massenproduktion von Kleidung. Die Preise sanken dramatisch. Die Globalisierung verstärkte diese Abwärtsspirale noch. Maßarbeit war preislich nicht mehr konkurrenzfähig. „Für einen guten Anzug gehen 3,20 Meter Stoff drauf. Der kostet allein schon zwischen 200 und 300 Euro. Und dann brauchst du ungefähr 40 Stunden für den Zusammenbau“, erläutert Hans Flaßwinkel. So kommt am Ende ein Preis von um die 1500 Euro zustande. Damit jedoch ist per Hand produzierte Kleidung nur noch ein Nischenprodukt.

Als Folge sinkt stetig die Qualität der Ware. Die Stoffe beispielsweise werden immer leichter und dünner. Ein guter Wintermantel wiegt heute nur noch die Hälfte von dem, was er früher auf die Waage brachte. „Deshalb frieren die Leute ja auch immer öfter“, konstatiert der Fachmann schmunzelnd. Bei Anzügen sind Stoff und Innenfutter zudem nicht mehr vernäht, sondern vielfach nur noch verklebt. Das fällt zunächst nicht auf. Spätestens aber nach einigen Reinigungen oder Wäschen löst sich die Verbindung nicht selten. Die Folge: Der Stoff wird wellig. Und das Sakko endet im Altkleidercontainer.

Hans Flaßwinkel hat sich daran gewöhnt. Was ihm bleibt, ist der Stolz auf das Erlernte und die Tradition. Geschickt legt er die Schablone auf den edlen Stoff, markiert mit Kreide die Umrisse, schneidet die Formen zurecht und fixiert die Einzelteile mit der der von der Decke stets griffbereit herunterhängenden Reihfäden, in Bocholt auch „Lüllepiepe“ genannt  Der Rest ist Fleißarbeit.

Für besonders Aufgaben hat Hans Flaßwinkel spezielle Apparate. Die Blindstichmaschine beispielsweise. Sie heftet beim Saum zwei Stoffseiten zusammen, ohne dass man die Naht auf der Außenseite sieht. Oder die Kettelmaschine. Sie schneidet den Stoff und fasst ihn gleichzeitig mit einer Naht ein.

Die Maschinen funktionieren, als wäre die Zeit spurlos an ihnen vorübergegangen. Doch ihre Tage sind gezählt. So wie die des traditionellen Schneiderhandwerks in Bocholt.

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