September 14, 2021

Serie 36,5 Grad: Harm Klomps – der Herr der Rillen

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Von BERTHOLD BLESENKEMPER (Text) und KIRSTEN ENK (Fotos)

Musik ist seine Leidenschaft – egal ob in gepresster, elektromagnetisch aufgezeichneter oder optisch wie auch digital gespeicherter Form. Für Harm Klomps ist allein entscheidend, was hinten rauskommt. Blues, Metal, Punk, Techno oder Indie, der 64-jährige Niederländer hört und kennt schlichtweg alles. Wie ein analoges Wikepedia der Rock- und Popgeschichte steht er lässig hinter dem Tresen seines Fachgeschäftes „Hanna Music“ am Crispinusplatz in Bocholt. Kunden kommen herein, summen ihm eine Melodie vor, und schon zieht Harm Klomps den richtigen Tonträger aus mehr als 6000 Schallplatten sowie mindestens ebenso vielen Compact-Disks. Dabei war Harm Klomps jahrelang weg vom Fenster. Schuld war die Erfindung des digitalen MP3-Formats und der damit verbundene Niedergang des analogen Musikgeschäftes sowie parallel seine schwere persönliche Krebserkrankung. Umso schöner, dass die die längst totgesagte LP und der gebürtige Dinxperloer gemeinsam ihre Renaissance erlebten.

Harm war und ist in Bocholt und Rhede eine Instanz – und das seit Jahrzehnten. Bereits im Alter von 16 Jahren legte er am Heelweg im benachbarten Dinxperlo Platten auf. Seine Eltern besaßen dort einen Laden mit angeschlossenem Lunch-Raum. Letzterer lief nicht so gut. Harm ergriff die Gelegenheit und baute die Essecke zu einer Diskothek namens „Swinx“ um. Die Jugend aus Bocholt war Feuer und Flamme. Zum einen, weil die Niederländer meist viel früher an guter amerikanische Musik kamen, mehr aber noch, weil es auf der gegenüberliegende Straßenseite der berühmten Grenzstraße deutlich lockerer zuging. „Über alles kann ich nicht reden“, erklärt Harm heute schmunzelnd.

Klomps wurde in der Folge zum Militär einberufen und legte nebenbei in Terborg Platten auf. Hier entdeckte ihn ein Freund von Josef („Jupp“) Hungerkamp, der kurz davor stand, in Rhede ein Lokal zu eröffnen. Nur wenige Stunden nach seiner Entlassung beim niederländischen Heer stand Harm dort hinter der Theke und heizte den Gästen ein. Und genau an diesem ersten Abend lernte er auch seine spätere Frau Georgia Fillies kennen.

1976 der Wechsel in den Einzelhandel. Harm Klomps eröffnet in der Nordstraße in Bocholt die lediglich 16 Quadratmeter „Hannas Plattenkiste“. Die platzte innerhalb kürzester Zeit aus allen Nähten. In seiner Not erweiterte der Niederländer den Verkaufsraum mit Hilfe einer Wendeltreppe in eine über dem Geschäft gelegene Wohnung. Mit Erfindung der Compact-Disc reichte der Raum erneut nicht merh aus und aus „Hannas Plattenkiste“ wurde „Hannas Music“ am Crispinusplatz und später an der Crispinusstraße. Übrigens: Den Spitznamen „Hanna“ hatte dem Niederländer eine Freundin wegen dessen ausgeprägter Lockenmähne verpasst.

Von 1981 bis 1997 führten Harm Klomps und seine Frau Georgia dann „nebenbei“ die legendäre Kult- und Jugendkneipe „DochDu“ an der Schanze. Ende der 90er Jahre schließlich der Schock. Die Erfindung des MP3-Formats ermöglichte das Downloaden und unendliche Verfielfältigen von Musik. Gleichzeitig etablierte sich in den neuen Shopping-Arkaden die gewaltige Konkurrenz der Elektronikketten. „Da war für uns nichts mehr zu machen“, blickt Harm Klomps zurück. Der heute 64-jährige machte den Laden zu, um mit seiner Frau an der Eisenhütte eine Musik- und Kulturkneipe zu etablieren.

Genau in dieser Zeit traf Harm sein ganz persönlicher Schicksalsschlag. Klomps erkrankte an Leukämie. Nur dank zweier Stammzellenspenden seines Bruders erholte er sich. Der heute 64-Jährige jobbte mal hier und dort. Aber der Krebs ließ ihn nie ganz los. Dennoch kam es zu einer nicht für möglich gehaltenen Renaissance. Die Schallplatte kehrte zurück. Und mit ihr Harm Klomps. „In Vinyl können einfach mehr Informationen gespeichert werden. Es werden höhere Frequenzen erreicht. Daher klingt die Musik einfach besser. Und viele Menschen sind das ewige digitale Zappen leid“, erklärt der Experte den plötzliche Run auf die schwarzen Scheiben.

Parallel entstand im Internet ein ganz neuer, großer Sammlermarkt. Harm Klomps erkannte die Chance, eröffnete „Hanna Music“ am Crispinusplatz real und virtuell als Onlineshop unter www.hannamusic.de im weltweiten Netz. Seitdem kauft er alte Platten an, reinigt sie mit Hilfe einer 2000 Euro teuren Spezialwaschmaschine und verkauft sie wieder. Einige gehen an Bocholter, andere an Kunden in Vietnam, Russland oder die USA, die per Internet bestellen. Neben gebrauchten sind auch neue Tonträger im Angebot. Längst haben die Plattenfirmen nämlich den Trend erkannt und legen uralte Schätzchen von den Beatles oder Beach Boys in limitierter Venyl-Auflage wieder neu auf. Wer hätte das gedacht?

Wer nun glaubt, Harm Klomps versilbere bei „Hanna Music“ seine zigtausend Platten umfassende Privatsammlung, der irrt. Seinen Schatz gibt der Herr der Rillen niemals her. Der ist für seinen Enkel Ramses reserviert.

pan-logoLesen Sie diesen Bericht auch im Bocholter Stadtmagazin PAN

 

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