Bocholt

Transparenz schaffen: Wie eine mutige Ausstellung das Schweigen über Kindesmissbrauch in der Kirche durchbricht

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Mit der Ausstellung „Transparenz“, einer Werkschau mit Lesung und einem Kinofilm wandte sich der Hemdener Kapellenverein dem Thema Kindesmissbrauch in der Katholischen Kirche zu. „Wir wollen einen Beitrag zur Aufklärung leisten und das Thema, das weitgehend verschwiegen wird, zur Sprache bringen“, sagt die Vorsitzende des Vereins Uta Hügging-Neise bei der Begrüßung der Gäste. Bereits der einführende Kinofilm „Gelobt sei Gott“ (FSK 6) eröffnete in der Woche zuvor einen differenzierten Einblick in die Thematik, indem er drei verschiedene Charaktere von Betroffenen nachzeichnete. Während der erste Protagonist weiter aktives Mitglied der Kirche blieb und vornehmlich dafür sorgen wollte, dass der Täter vom Dienst suspendiert wird, damit er keinen weiteren Kindern Schaden zufügen kann, versuchte der zweite, der aus der Kirche ausgetreten war, die Institution öffentlich anzuprangern und auch diejenigen zur Rechenschaft zu ziehen, die als Vertreter der Institution trotz Kenntnis der Vorfälle untätig geblieben waren.

Der dritte Fall wiederum schilderte das Schicksal eines Betroffenen, wie dessen ganzes Leben inklusive seiner familiären Beziehungen durch den Missbrauch beschädigt worden ist. Alle drei Fälle glichen sich darin, dass die Taten in der Jugend vorfielen, dann lange verdrängt wurden und in der zweiten Lebenshälfte wieder hochkamen und wirksam wurden

Martin Schmitz, Sprecher der Selbsthilfegruppe Rhede, vertiefte diesen ersten Einblick während der Lesung aus seinem Buch durch die eindrückliche Schilderung seiner Lebensgeschichte. Ab dem zehnten Lebensjahr wurde er als Kind, das sich als Meßdiener begeistert der Kirche zuwendete, vom Rheder Pfarrer Heinz Pottbäcker wiederholt mißbraucht. Als dieser nach zwei Jahren versetzt wurde, hörte zwar der körperliche Missbrauch auf, aber die seelischen Folgeschäden blieben. Winzige Kleinigkeiten reichten aus, um die Erinnerung an die Gräueltaten immer wieder wachzurufen: ein Kommilitone, der ähnlich sprach wie der frühere Täter oder der erste Kirchenbesuch nach vielen Jahren anlässlich der Beerdigung des eigenen Vaters führten zu Flashbacks, die mit der Zeit immer häufiger und heftiger auftraten.

Er habe sehr lange Zeit gedacht, dass er alleine mit dem Thema fertig werde. Erst als seine berufliche Existenz auf dem Spiel stand, weil er durch zu viele schlaflose Nächte und eine beginnende Depression wochenlang nicht mehr arbeitsfähig war, begann er eine mehrjährige Therapie. Er gründete eine Selbsthilfegruppe für Betroffene in Rhede und engagierte sich für eine Vielzahl von Betroffenen. Schließlich verarbeitete er seine Erfahrungen in dem Buch „Der dunkle Hirte“^1, aus der er eine Sequenz in der Hemdener Kapelle vorlas. Er habe gelernt, sagt Martin Schmitz, mit seinem Schicksal umzugehen. Aber gleichzeitig werde man mit dem Thema niemals fertig.

Wenn er z.B. zum Zahnarzt gehe, und dieser ihm zur Behandlung den Finger in den Mund stecke, kämen unweigerlich Erinnerungen hoch. Solche Dinge werden immer bleiben, so Martin Schmitz. Viele Opfer litten bis heute unter den Folgen, manche hätten sich aufgegeben und dem Alkohol zugewendet. Wie viele Betroffene unter den jährlichen Suiziden seien, werde bis heute nicht aufgeklärt. Deshalb könne er die Forderung, man müsse es irgendwann gut sein und das Thema ruhen lassen, nicht akzeptieren.

Die Künstlerin Christa Maria Prein erläuterte, dass die Ausstellung „Transparenz“, die in der Kapelle vom 3. bis 12. Juni zu sehen ist, in enger Auseinandersetzung mit den Betroffenen der Selbsthilfegruppe Rhede entstanden ist. Kunst sei eine gute Möglichkeit der Verarbeitung traumatischer Erfahrungen, so die Künstlerin. Jeder der Begriffe, die mit den sieben Stelen der Ausstellung aufgegriffen werden, fänden sich in allen Schilderungen der Missbrauchsfälle wieder.

Das musikalische Rahmenprogramm wurde gestaltet von Priska Strümpfel und Malik Geisler. Für die anschließenden Gespräche standen Martin Schmitz als Betroffener und die beiden Pfarrer der Gemeinden Liebfrauen, Pfarrer Rafael van Straelen und St. Gudula Rhede, Pfarrer Thorsten Schmölzing zur Verfügung. In diesen Gesprächen sagte Pfarrer Schmölzing, dass zu der Geschichte der Kirche der Umgang mit dem Kindesmissbrauch dazugehöre, ähnlich wie zu der deutschen Geschichte die Zeit des Nationalsozialismus.

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