Boxen – ein Sport zwischen Tradition und Integration



Ehrenamtliches Engagement spielt in Bocholt eine bedeutende Rolle. Um dies sichtbar zu machen, verfasst die Redaktion der Freiwilligen-Agentur Bocholt regelmäßig Porträts und Storys über dieses Engagement, welche wir auch hier auf Made in Bocholt veröffentlichen
Seit mehr als hundert Jahren wird im Verein ASV Einigkeit geboxt. Das ist geblieben, aber die Voraussetzungen sind ganz anders als in den Gründerjahren und entsprechend auch die ehrenamtlichen Aufgaben und Zielsetzungen.

Es ist das reinste Wimmelbild in der Sporthalle der Clemens-August-Schule. Jungen und Mädchen, Männer und Frauen, Kinder und Jugendliche – eine kunterbunte Gruppe, voller Bewegung und Energie. Trainingsstunde des ASV Einigkeit Bocholt. Der Name weist zurück in eine Zeit, in der die Stadt Bocholt sich mit der Industrialisierung und Technisierung auch gesellschaftlich veränderte, in der Vereine fast wie Pilze aus dem Boden schossen, mit so schönen Gemeinschaft bekundenden Bezeichnungen wie „Eintracht“. Oder eben auch Einigkeit. Die kam zum Ausdruck, als die Mitglieder des 1894 gegründeten Athletik-Clubs Germania sich 1909 mit denen des Vereins „Deutsche Eiche“ zusammentaten, um als Athletik-Sportvereinigung (ASV) 1922 auch das Boxen einzuführen. In einer Vereinsbroschüre sind Fotos jener Gründerjahre zu sehen, Männer mit stolzgeschwellter Brust, akkurat aufgereiht. Welch ein Kontrast zwischen einst und jetzt. Für den Traditionsverein gilt indes: Geboxt wird immer noch.

Neue Pläne, große Aufgaben: Ömer Seyrek, Yves Christian Fernau, Apo Seyrek (von links).    Foto: Freund

Große Multi-Kulti-Familie

Der ASV mit seinen mehr als 70 Mitgliedern hat mit einem neuen Vier-Personen-Vorstand unter dem Vorsitz von Dimitrij Wagner zum Jahresbeginn eine Runde neuer Vorhaben eingeläutet. Das gilt für den Sportbetrieb, aber auch für eine gerade entstehende Vereinshomepage. „Unser Verein lebt durch das Ehrenamt“, sagt Yves Christian Fernau, der dafür selbst ein Beispiel ist, indem er sich insbesondere um alles Mediale kümmert. Der 34-jährige Bocholter hat früher in Köln Boxsport betrieben und engagiert sich jetzt für die Gemeinschaft im ASV. „Mir gefällt die familiäre Atmosphäre“, sagt er.

Das ist die Atmosphäre einer großen Multi-Kulti-Familie mit Mitgliedern, die ihre Wurzeln in mindestens einem Dutzend Ländern haben, meint Apo Seyrek, im gleichen Alter wie Yves Christian Fernau und als Unterstützer des Vorstandes genauso engagiert. Langsame und „gesunde“ Aufbauarbeit müsse man leisten, dürfe „nichts überstürzen“. Das ist in dieser Familie eine besondere, komplexe und verantwortungsvolle ehrenamtliche Aufgabe.

Regeln und Disziplin

Rund 70 überwiegend junge Menschen, durchschnittlich zwischen 20 und 25 Jahre (der Jüngste ist vier, der Älteste 80) wollen betreut werden, lauter unterschiedliche Persönlichkeiten. Betreuen heißt zunächst miteinander trainieren. Den meisten geht es darum, sich durch das Training fit zu halten, etwa zwanzig Aktive nehmen an Vergleichs- und Sichtungskämpfen sowie Meisterschaften teil. Breiten- wie auch Leistungssport biete der Verein, sagt Ömer Seyrek, Apos 26-jähriger Bruder und Lizenz-Trainer, der die Bedeutung von Disziplin und die Einhaltung von Regeln hervorhebt.

Beim ASV geht es um das sogenannte olympische Boxen, für das ein umfangreiches Regelwerk des Deutschen Boxsport-Verbandes gilt und das sich als Amateurboxen bewusst vom Profiboxen abgrenzt. Dazu weisen Boxsportler gerne darauf hin, dass sie eine olympische Grundsportart mit Ursprung schon im alten Ägypten betreiben. Boxen – auch als Faustkampf bezeichnet, vielleicht weil das etwas vornehmer klingt – wird mit dem edlen Duell beim Fechten verglichen, bei dem es ebenfalls darum gehe, mit viel Beweglichkeit, Geschick und Raffinesse eigene Treffer zu setzen und Treffer des Kontrahenten abzuwehren.

Umfassende Betreuung

Liegt darin der spezielle Reiz des Boxens, die Motivation, sich gerade für diese Sportart zu entscheiden? In den vielen Untersuchungen und veröffentlichten Abhandlungen zum Thema Boxen wird unter anderem deutlich, dass der körperliche Kampf mit unmittelbarer Einwirkung auf den Gegner mit Selbstdarstellung und Selbstbehauptung verbunden ist. Erfolg bedeutet Stärke, und das wirkt sich auf das Selbstbewusstsein aus. Misserfolg aber auch. Betreuung ist in beiden Fällen wichtig: Einerseits zu vermitteln, dass man nicht abheben, fair bleiben und Respekt bewahren soll und dies entsprechend zu kontrollieren, andererseits aufzubauen und zu trösten. Und es geht noch weiter über das rein Sportliche hinaus. „Manche haben Probleme“, sagt Apo Seyrek, beruflich oder privat, und da dient das Boxen auch als ein Ventil, um Stress zu bewältigen, Aggression abzubauen. Auch darauf einzugehen, Hilfe anzubieten, ist Bestandteil des Kümmerns, das von den Betreuern Sensibilität verlangt.

Muskelpakete mögen imponieren, aber sie machten nicht den entscheidenden Vorteil aus, sagt Trainer Ömer Seyrek. Was im Kopf des Boxers vorgeht, spiele eine ganz wichtige Rolle. Das Box-Training vermittelt nicht nur Kondition, sondern auch Konzentration und Koordination, genaues Beobachten, schnelles Agieren und Reagieren, Fintieren und Taktieren – viele für den Alltag nützliche Effekte – quasi für das Sich-Durchboxen ohne Faust, aber ebenfalls mit Köpfchen. Wer über das Trainieren hinaus an Wettkämpfen teilnehmen möchte, darf das nur bzw. erst, wenn er oder sie einen bestimmten Status erreicht hat und der Trainer die entsprechende Eignung feststellt. Die Aktiven würden auf solche Einsätze intensiv vorbereitet und vor Überforderung im Ring geschützt, sagt Apo Seyrek. „Wir verheizen niemanden.“

Einigkeit: Respekt und Integration

Wie verständigen sich gut 70 Menschen verschiedenster Herkunft? „Wenn sie in die Halle kommen, ist der Sport die gemeinsame Sprache“, sagt Ömer Seyrek. Dann lassen alle die Fäuste sprechen ist man versucht, bildhaft zu sagen, aber das erinnert an Wildwest, Bud Spencer oder den „Hau-den-Lukas“-Test auf der Kirmes, und genau darum, um ein behauptetes plattes Faustrecht, geht es ja gerade nicht. Stattdessen geht es um Integration und um kulturelle und gesellschaftliche Öffnung. Die ehrenamtlich Engagierten haben dies als Aufgabe dem ASV auf die Vereinsfahne geschrieben. Zumal bei einer so „bunt gemischten Truppe“ (Ömer Seyrek) eine wichtige Aufgabe und eine große zugleich. Gemeinsame Motivation und Zielsetzungen bieten die Basis, auch das Miteinander zu praktizieren und gegebenenfalls zu trainieren, dass „jedes Mitglied respektiert und akzeptiert“ wird, wie der Trainer sagt. Gemeinsame Sommer-, Grill- und Weihnachtsfeste oder auch eine geplante Fahrt an die Nordsee tragen dazu bei. So lässt sich Einigkeit verstehen und leben – nicht nur wegen der Tradition.

Wie wichtig den Machern des ASV diese Aufgabe ist, zeigen ihre Bemühungen, in das Bundesprogramm „Integration durch Sport“ aufgenommen zu werden und ab 2024 die Anerkennung als Stützpunktverein für dieses Programm (siehe https://integration.dosb.de/) anzustreben. Die notwendigen Kontakte zum Kreissportbund Borken fanden bereits statt, die Signale von dort klingen erfolgversprechend. Die Aufnahme in die Strukturen des Bundesprogramms würde eine finanzielle, ideelle und qualifikatorische Unterstützung für integrative Arbeit im Verein bedeuten.

Nicht zuletzt Ehrgeiz braucht es im Verein. Den haben sie beim ASV – über das sportliche Training hinaus. – jf –

Quelle: Wir für Bocholt – Den Originalbeitrag finden Sie hier

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