Serie 36,5 Grad: Florian Sauret – Der Stimmgewaltige

VON BERTHOLD BLESENKEMPER
Florian Sauret hat aus einer krankheitsbedingten Not eine Tugend gemacht. Er führt Einheimische und Touristen als Bocholter Nachtwächter durch die Stadt.
„Name?“… „Florian Sauret“ – „Alter?“ … „36“ – Beruf? … „Nachtwächter“. Spätestens an diesem Punkt wird jeder Fragesteller stutzig. „Sie meinen Security-Mitarbeiter oder Objektschützer?“. Nein. Florian Sauret ist tatsächlich Nachwächter. Mehr als 100 mal jährlich führt er in historischem Kostüm Gäste durch Bocholt. Mit lauter, unverwechselbarer Stimme erzählt er überlieferte Tatsachen, geschichtlich verklärte Gerüchte und gerne auch mal das eine oder andere Anekdötchen. Längst hat sich Sauret über die Grenzen der Stadt hinaus einen Namen gemacht. Und so kreuzt der 36-jährige mit dem Markenzeichen Vollbart auch mal in Rhede als Tutemann, in Dinxperlo als Schmuggler, tagsüber  auf dem Bocholter Wochenmarkt als Kiepenkerl oder in Kindergärten der Stadt als Räuber Hotzenplotz, Weihnachtsmann oder Nikolaus auf. „Als Dienstleister muss man eben flexibel sein“, meint der Nachtwächter mit einem Schmunzeln.
Der gebürtige Bocholter hat aus der Not eine Tugend gemacht. Eigentlich wollte er Lehrer werden. Dafür hatte Florian Sauret nach der Grund- und Hauptschule sein Abitur am Berufskolleg am Wasserturm gemacht und in Münster Geschichte und katholische Theologie studiert. Während dieser Zeit erhielt er von seinen Ärzten jedoch eine niederschmetternde Diagnose: Narkolepsie. Diese im Volksmund auch als „Schlafkrankheit“ bezeichnete neurologische Erkrankung lässt die Betroffenen manchmal urplötzlich einschlafen. „Mir war sofort klar, dass ich damit meinen Beruf nicht würde ausüben können“, erklärt der Bocholter. Auch fast jeder andere Job rückte in weite Ferne. Denn Narkoleptiker dürfen kein Auto fahren.
Was tun? Florian Sauret steckte den Kopf nicht in den Sand. Er heuerte beim Stadtmarketing als Fremdenführer an. Mit der Zeit bekam er ein Gespür für die Wünsche der Kundinnen und Kunden. „Die wollen nicht nur informiert, sondern möglichst auch unterhalten werden“, so der 36-Jährige. In der Folge entwickelte er verschiedene Figuren: den Nachwächter, den preußischen Offizier, den Kiepenkerl, den Weingott Bacchus und, und, und…
Zudem arbeitete Sauret diverse Touren aus. Bis zu einem Jahr kann es dauern, bis so ein Rundgang endgültig steht. Dabei schafft es Florian Sauret immer wieder, selbst eingefleischte Bocholter zu überraschen. So zum Beispiel, wenn er die Geschichte der heimischen Henker-Dynastie Schweppes erzählt. Über Generationen brachte die nicht nur den Tod, sondern rettete im damals für diesen Beruf üblichen Nebenjob Chirurgie auch so manches Leben. Für „Aha“-Erlebnisse  sorgen außerdem immer wieder die Erklärungen von Straßennamen wie Raverspurte, Neutor, Schanze, Nordwall oder Ostmauer, die auf die alte Stadtbefestigung zurückzuführen sind. 
Besonders beliebt sind bei den Kunden das Bocholter Ritter- und Bürgermal, die über vier Stunden gehende kulinarische Tour, die Kiepenkerlrunde über den Markt oder die Kneipentour. Apropos: Kaum jemand weiß, dass in Bocholt vor dem 30-jährigen Krieg sage und schreibe 48 Brauereien ansässig waren. Der dazu passende, steht augenzwinkernd vorgetragene Spruch des Nachtwächters lautet: „Das erklärt so manches. Es liegt halt in den Genen…“
Touristen gegenüber verkörpert Florian Sauret gerne den typischen Bocholter – immer leicht grummelnd, gerne meckernd am liebsten unnahbar. „Das ist zumindest das Selbstbild, das wir von uns haben. Doch die Fremden sehen das ganz anders. Ich höre immer wieder, wie nett und aufgeschlossen die Bocholter eigentlich sind“, verdeutlicht der 36-Jährige. Noch etwas fällt auswärtigen Gästen regelmäßig auf: die Sauberkeit in der Stadt. Und das liegt nicht etwa daran, dass der Nachtwächter die City meist im Dunkeln durchstreift.
Wenn Zeit bleibt und Angebote kommen, spielt der 36-Jährige bei kleinen Filmproduktionen mit.  Im Tatort Münster war er schon zu sehen und als Komparse beim Film über den jungen Karl Marx. Im Lutherjahr verkörperte er zudem mehrmals den großen Reformator.

Übrigens: Wer eine Tour von Florian Sauret erleben möchte, muss sich zu nachtschlafender Zeit einfach nur vors Historische Rathaus zu Bocholt stellen und geduldig warten, bis ein grummelnden Mann mit Vollbart in langer brauner Kutte und ausgestattet  mit Laterne sowie Hellerbarde vorbeikommt und beginnt, stimmgewaltig um den Preis zu feilschen. Man kann ihn aber auch einfach per Handy unter +49 176 96444317 anrufen. Manchmal ist es eben doch ganz vorteilhaft, in der Gegenwart zu leben…

Lesen Sie diesen Bericht auch im Bocholter Stadtmagazin PAN

 

9 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.