Smarter handeln – und zum Scheitern verurteilt

Smarter handeln – und zum Scheitern verurteilt
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Ein Kommentar von BERTHOLD BLESENKEMPER

Mit Digitalstrategien hat die Stadtmarketingesellschaft nun wahrlich kein Glück. Der erste Versuch, ein Online-Servicestadtplan namens „Bocholt Shopping“, war von Beginn an ein Datenfriedhof, der heute im Hinterhof der bocholt.de sein Gnadenbrot fristet. Es folgte mit großem Tamtam „Bohdo“, die App, die nach nur wenigen Monaten sang- und klaglos eingestellt wurde. Und jetzt hat Ludger Dieckhues dank irgendwelcher Förderprogramme, die in den Amtsstuben einiger Düsseldorfer Ministerien ersonnen wurden, scheinbar den Stein der Weisen gefunden. Schon schwirren hippe Schlagworte wie Digital Hub, künstliche Intelligenz und Bocholt Prime durch eine Kommune, die noch nicht mal funktionierendes öffentliches WLan hat.

Schon aus einem einzigen Grund ist das Projekt „Smarter Handeln“ zum Scheitern verurteilt. Es geht komplett  an den Interessen der Zielgruppen vorbei. Die Händler haben weder Zeit noch Geld, sich ständig mit teuren Wolkenkuckusheimen zu beschäftigen. Ihre Probleme sind nicht virtuell, sondern real. Die Bocholter Kunden und ihre Gäste wiederum wünschen sich eine smarte City mit smarten Cafes, smarten Parken, smarten Läden und smarten Menschen. Smart einkaufen können sie schon jetzt ganz einfach von ihrem smarten Sofa aus mit ihren smarten Geräten bei Amazon und Co. 

Kann man das ändern und die übermächtige Konkurrenz aus Übersee ein wenig ärgern? Vielleicht! Aber nicht, indem man 87.000 Euro – Beratung und Management inklusive – in ein Projekt investiert, bei dem man am Anfang nicht mal weiß, was am Ende dabei herauskommt. Es könnte funktionieren, wenn der oberste Wirtschaftsförderer der Stadt endlich den Mumm aufbrächte, mit der lokalen digitalen Wirtschaft zu kooperieren und zu sprechen statt immer nur über sie zu quatschen. Nur mit den lokalen Playern, die ein intrinsisches Interesse daran haben, diese Stadt nach vorne zu bringen, weil sie von ihr leben, wird es dauerhaft gelingen. Nur sie bringen die Manpower, die Kundenbeziehungen, die Kreativität und die Inhalte mit, die man braucht, um ein langfristiges kommunales und technikbasiertes Projekt tatsächlich dauerhaft mit Leben zu füllen.

Doch statt die heimische Digitalwirtschaft zu fördern, lässt Dieckhues lieber Webseiten in Oldenburg entwickeln, Apps in Nordfriesland programmieren, Fotos von dänischen Fotografen mit litauischen Models machen, Plakate online drucken, Projektmanagement aus Oberhausen kommen und vieles mehr. Zu dem neuen, für Ende April geplanten „Smart Store Hub“ in der City sind vorwiegend E-Commerce-Spezialisten aus Gescher, Plattform-Anbieter aus Borken, Verkaufsförderer aus Isselburg und Ahaus, ein Kompetenzzentrum aus Lingen, Augmented-Reality-Entwickler aus Dortmund und Radiomacher aus Münster eingeladen. Bocholter Unternehmen, die diese Leistungen ebenfalls im Portfolio haben, sind trotz gegenteiliger Ankündigungen erst gar nicht gefragt worden.  Mehr als ein „Wir müssen dringend mal telefonieren“ bekommen sie schon seit mehr als einem Jahr nicht zu hören.

Handel, Stadtmarketing und Wirtschaftsförderung haben also permanent nichts Besseres zu tun, als das Geld dieser Stadt mit beiden Händen in die Welt hinauszutragen. Das ist ihr gutes Recht. Aber dann müssen sie endlich aufhören, gleichzeitig scheinheilig und penetrant „support your local partner“ zu rufen. Merke: Wer selbst nicht in seine Stadt investiert, kann ernsthaft nicht erwarten, dass das Geld wieder zu ihm zurückfließt.

Zugegeben: Es gibt auch durchaus sinnvolle Elemente im Masterplan Smarter Handeln Bocholt. Individuelle Digitalisierungsberatung ist eines davon. Pfiffiges Leerstandsmanagement ist ein anderes. Und auch die Vernetzung des digitalen Know-hows in der Stadt ist lobenswert, wenn auch wegen des Überhangs an Filialisten schier aussichtlos. Nur hätte man damit schon vor Jahren anfangen sollen und können – und zwar kostenlos. Statt ziellos in blindem Aktionismus ständig teure, externe Berater und Referenten für alle möglichen Hipes durchs Dorf zu jagen und den Handel so am Ende viel mehr zu verunsichern als zu helfen, hätte man sich einfach nur mal vor Ort umschauen müssen. Es gibt nämlich schon jetzt zahlreiche Händler und Unternehmen in Bocholt mit einer durchaus erfolgreichen Digitalstrategie.

Fazit: Digitale Innovation muss sein. Keine Frage. Aber den Bocholtern wäre es sicherlich lieber, wenn das viele Geld zunächst konsequent und schnell in die analoge Innenstadt, in deren Image sowie in Frequenz, Frequenz und nochmals Frequenz gesteckt würde als in externe Berater, Entwickler und Programmierer. Was nutzt Bocholt eine wunderschöne virtuelle, von künstlicher Intelligenz getriebene Scheinrealität, wenn man im Jahr 2025 darin neben Handyläden hauptsächlich Leerstände angezeigt bekommt…

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