36,5 Grad: June gibt Gas!

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Ein endlos weiter Himmel. Kalter Wind fegt dichte Wolken darüber hinweg. Felsen glänzen dunkel im Regen. Im Tal rauchen träge graubraune Fabrikschornsteine. Was wie die Beschreibung eines üppigen Ölgemäldes aus vergangenen Jahrhunderten klingt, ist am Rande der Pennine-Bergkette im Nordwesten Englands heute noch Realität. Hier in Oldham bei Manchester wird die Bocholterin June Erkelenz geboren. Land und Leute prägen sie. Und auch wenn sie mit 23 Jahren schon sehr früh den Weg nach Deutschland findet, bleibt ein hartnäckiger Rest Heimat. Der offenbart sich in Junes Vorliebe für schlechtes Wetter, in einem – bei perfekter deutscher Grammatik – scheinbar unlöschbaren angelsächsischen Akzent und einem ausgeprägter englischen Humor.

June Erkelenz lacht. Sie lacht viel und gerne. Am liebsten über sich selbst. So erzählt sie von ihrer unbekümmerten Kindheit als Tochter eines englischen Geschäftsmannes und einer irischen Mutter.  June Kirkham heißt sie damals. „Eigentlich sollte ich ein John und der Anfang einer Fußballmannschaft werden. Aber dann kam ich am 11. Juni 1946 zur Welt. So wurde aus John June“, erzählt die 69-Jährige.

Mit elf Jahren wechselt June auf ein Internat in Wales. Mit 18 Jahren will die junge Frau unbedingt auf die Kunstschule. „Aber ich durfte nicht“, berichtet June Erkelenz. Der Vater besteht auf eine „ordentliche“ Ausbildung. Schließlich wird das nach Einschätzung ihrer Lehrerin „durchaus begabte“ Mädchen Sekretärin. „Ich denke, ich war eine gute Sekretärin. Aber ich wäre wohl glücklicher gewesen, hätte ich malen können“, blickt sie zurück.

Anfang der 60er Jahre arbeitet June in eine großen Maschinenbaufirma. Hier lernt sie den damaligen Praktikanten Peter Erkelenz kennen und lieben. „Der hat mich dann abgeschleppt nach Deutschland“, lacht June. Ihr Vater, ein Kriegsteilnehmer, ist geschockt. Vier Tage redet er nicht mit seiner Tochter. „Aber meine Mutter hat gesagt, besser ein guter Deutscher als ein schlechter Engländer“.

Das junge Paar zieht nach Karlsruhe. Hier bekommt June einen Job bei der amerikanischen Streitkräften. Nach wenigen Monaten wechselt June Erkelenz ins Singer-Nähmaschinenwerk. Später zieht das Ehepaar nach Hohenlimburg. Hier wird June 1976 und 1978 Mutter. Als es über Neuss zurück geht nach Karlsruhe geht, arbeitetet sie nur noch halbtags in der Stadtinformation.

1987 bekommt ihr Mann einen Job bei Borgers in Bocholt. Damit steht ein Umzug  ins Westmünsterland an. „Ich wollte erst überhaupt nicht mit“, erinnert sie sich und ergänzt ,“aber es war von Anfang an gut. Vom ersten Tag an.“ Schnell lernt die heute 69-Jährige neue Freunde kennen und bekommt eine Job als Chefsekretärin bei der WM-Spedition.

Im Alter von 65 Jahren startet sie durch in ein neues Lebens. June Erkelenz beginnt zu malen. Endlich! „Ich habe mich vorher nicht getraut, weil ich Angst hatte, dass mir meine Bilder selbst nicht gefallen würden. Aber mit 65 habe ich gedacht, jetzt ist es auch egal.“ June bringt sich viel selbst bei, nimmt ab und zu Unterricht bei anderen Künstlern und probiert jede Menge aus. Sie malt gegenständlich, fotorealistisch, abstrakt oder naiv. Sie versucht sich an Landschaften, an Stillleben und Porträts. Was nicht gefällt wird einfach überpinselt. So entstehen in nur vier Jahren 300 Bilder. „Ich bin spät angefangen, deshalb muss ich Gas geben. Denn im Altersheim werden die mich nicht so malen lassen wie ich des gewohnt bin“, erklärt die Künstlerin.

June spielt damit auf ihr üppig ausgestattetes Atelier im Keller an. Farben, Pinsel, Staffeleien und Leinwände, wohin das Auge blickt. Kreativität braucht Raum und Zeit. June Erkelenz nimmt sich beides. Stunden verbringt sie im Untergeschoss des Hauses. Die Ergebnisse präsentiert sie in Ausstellungen und auf ihrer Webseite www.juneart.de. Wöchentlich kommen neue hinzu. „Wie gesagt, ich muss Gas geben“, meint June. Sie zwinkert kurz und widmet sich wieder ihrer Staffelei. Denn Zeit ist Kunst.

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