Serie 36,5 Grad: Alexander Gerards – vom Textilunternehmer zum Tierfutterhersteller

Von BERTHOLD BLESENKEMPER (Text und Fotos)Lammragout, Geflügelpatee, Entenbrustfiletstreifen oder Hirsch mit Kartoffeln und dazu Heidelbeeren und Kürbis.  Was sich liest, wie die gediegene Karte eines gutbürgerlichen Restaurants, steht bei der Dr.Clauder solutions for pets GmbH in Hamminkeln auf dem täglichen Zutatenplan für Katzen- oder Hundefutter. Schon- und Diätkost, hochqualitätive Nahrungsergänzungsmittel  oder Snacks – das Portfolio des Herstellers ist äußerst vielfältig. „Liebe geht durch den Magen“ gilt eben auch für Tiere. Einer, der das frühzeitig erkannt hat, ist der gebürtige Bocholter Alexander Gerards. Als Spross einer bekannten Bocholter Textil-Familie wechselte der 48-Jährige Kaufmann und Diplom-Betriebswirt  2006 die Branche und stieg in das Geschäft der Dr.Clauder-Unternehmensgruppe aus Hamminkeln ein. In der Folge übernahm er gemeinsam mit Malte Hübers die  Geschäftsführung und Verantwortung der Firmengruppe.Manchmal scheint Alexander Gerards selbst überrascht, wohin ihn sein beruflicher Weg verschlagen hat. Damit hatte niemand gerechnet, er selbst wohl am wenigsten. Dabei war die Karriere des Bocholters klar vorgezeichnet. Alexander wuchs als Sohn einer Unternehmerfamilie am Tannenweg in Bocholt auf. Er ging in Bocholt zur Schule. Es folgten eine Ausbildung zum Industriekaufmann und ein Betriebswirtschaftsstudium an der Fachhochschule Münster. Gerards suchte sich anschließend verschiedene Jobs im Ausland, u.a. in London und Kuala Lumpur. „Hörner abstoßen und Betankung von Internationaler Businesskultur und Führung“, nennt er das heute.1999 kehrte er nach Bocholt zurück und trat in die Geschäftsleitung der Firma Heidemann ein. Die führte er in der Folge sechs Jahre lang zusammen mit seinem Cousin Dr. Georg Heidemann. Doch die Zeiten waren nicht leicht. Der Niedergang der Textilindustrie machte auch vor den Bekleidungsherstellern nicht Halt. Der Bocholter stieg in 2005 aus dem Unternehmen aus und sah sich nach neuen Aufgaben um und erkannte Chancen im Bereich der Herstellung von Tiernahrung in Lebensmittelqualität.„Hunde und Katzen waren früher eher „Nutztiere“. Heute sind sie in erster Linie ein Teil der Familie“, meint der Dr.Clauder-Chef. Entsprechend ausgeprägt ist die Bereitschaft von Herrchen oder Frauchen, für gutes Futter auch gutes Geld auszugeben.Ebenfalls groß ist die Nachfrage nach Pflegeprodukten, Erziehungstipps oder Ernährungsberatung. Ein Grund mehr für das Hamminkelner Unternehmen, das Thema Tier ganzheitlich zu betrachten. „Nicht nur die Produkte  müssen qualitativ hochwertig sein, sondern auch die Kommunikation mit den Kundinnen und Kunden“, erklärt Gerards. Allein schon deshalb leisten sich die Hamminkelner eine Hotline und eine kleines TV-Studio, in dem Erklärvideos produziert werden. Mindestens ebenso aufwändig ist das Engagement des Unternehmens in den sozialen Medien.Um den hohen Anspruch nach außen überzeugend darstellen zu können, führte die Firma schon sehr früh diverse Marken unter einer Dachmarke mit dem Namen Dr.Clauder’s zusammen. Der akademische Titel im Namen soll Vertrauen schaffen.  Gleiches gilt für den Leitspruch „Tierernährung aus Verantwortung“. Um dieser Devise gerecht zu werden, hat das Unternehmen die Produktion in Hamminkeln nach neuesten Standards errichtet und auf Herz und Nieren testen und anschließend zertifizieren lassen. Der Lohn ist ein seitdem stetiges Wachstum.Und wie steht es mit einem eigenen Haustier? Alexander Gerards sieht sich bei dieser Frage zu einem Geständnis genötigt. „Ich selbst bin eigentlich erst sehr spät auf den Hund gekommen“, berichte der 48-Jährige. Job und die Familie, die er 1999 mit Ehefrau Petra gegründet hatte und die bis heute drei Kinder hervorbrachte, standen stets im Mittelpunkt. Die wenige freie Zeit widmete Alexander Gerads sportlichen Aktivtäten wie Joggen, Segeln oder dem Mountainbike-Fahren. Bis „Luna“ in sein Leben trat. Die Magyar-Vizsla-Hündin ist heute fester Bestandteil des Clans. Um das zu unterstreichen, greift der Firmenchef in sein Porte­mon­naie und zieht ein Foto des jungen Tieres hervor. Spätestens hier zeigt sich, wie sehr Alexander Gerards die Gefühle seiner Kundinnen und Kunden versteht.  Er ist längst selbst einer von ihnen… […]

Serie 36,5 Grad: Beatrix Telake – Die letzte Kürschnerin

Von  BERTHOLD BLESENKEMPER (Text und Fotos)Sie liebt ihr Handwerk. Dennoch musste Beatrix (Trixi) Telake die Kürschnerei Anfang der 90er Jahre aufgeben. Pelze zu tragen, war nach massiven Protesten von Naturschützern damals verpönt.  Heute, als Rentnerin, trifft man die 64-Jährige immer öfter wieder in ihrer Werkstatt. Dort recycelt sie alte Erbstücke wie Mäntel und Jacken zu Decken oder Handschuhen um. In der kleinen Werkstatt an der Dietrichstraße in Bocholt sieht es aus wie in einer alten nordamerikanischen Trapper-Hütte. Felle, wohin das Auge blickt. Nur haben die von Beatrix (Trixi) Telake Ärmel, Knopflöcher und Innenfutter. „Alles Erbstücke“, erklärt die 64-Jährige, während sie sich auf die Nadel mit Faden konzentriert, mit dem sie gerade einen Nerz bearbeitet. Die Kürschnerin schneidert das um, was Menschen nach Jahren wieder aus Kellern und Dachböden holen oder aus Schränken hervorkramen. Fast scheint es, als erlebe das uralte Handwerk eine Renaissance.Telake ist Kürschnerin durch und durch. „Ich hatte ja auch keine andere Wahl“, bilanziert sie. Als einzige Tochter eines Kürschners und einer Schneiderin wuchs Trixi in der Werkstatt ihrer Eltern Josef und Erna Telake an der Ravardistraße (heute Fasskeller) auf. Schnell war ihr der Umgang mit Nadel und Faden vertraut. Das brachte ihr einige Male den Neid der Freundinnen ein. „Ich konnte als Kind schon einfach und schnell ein paar neue Kleider für unsere Puppen schneidern“, erinnert sich die Bocholterin.Nach der mittleren Reife am Mariengymnasium absolvierte Trixi eine Ausbildung bei einer Kürschnerei in Wesel. Schließlich legte sie als Jahrgangsbeste in Nordrhein-Westfalen ihre Meisterprüfung ab und stieg ins elterliche Geschäft ein. Eine schwierige Zeit. Die wilden 68er hatten Ihre Spuren hinterlassen und rissen die junge Frau mit. Zudem litt die Branche unter massiven Protesten von Naturschützern, die Pelzträger an den Pranger stellten. Beatrix Telake hat dazu nach wie vor eine differenzierte Meinung. „Wenn man Wildtierfelle verarbeitet hätte wie die von Leoparden oder Seehundbabys, hätte ich das ja noch verstanden. Aber bei uns  wurde streng darauf geachtet, dass nur Felle von Zuchttieren verarbeitet wurden. Wenn man dagegen ist, dann dürfte man in letzter Konsequenz auch kein Schwein oder Rind essen“, meint sie1990 war das Geschäft in der Ravardistraße nicht mehr zu halten. Die Familie zog an die Dietrichstraße um. Zwei Jahre später war auch dort Schluss. Beatrix suchte sich einen Job als Verkäuferin in der Möbelbranche und arbeitete nur noch nebenbei in ihrem gelernten Beruf.Im Laufe der Jahre fertigte sie Mäntel und Jacken aber auch Taschen und Decken, Handschuhe und Stulpen. An ein besonderes Stück erinnert sie sich heute noch. „Ein Kunde brachte mir Fuchsfelle und wollte daraus ein Fuchskostüm für die alemannische Fastnacht in der Schweiz gemacht haben“, erzählt Trixi. Der Auftrag wurde erfüllt. Ihr Lieblingsstück war und ist indes eine Jeanskombination, die sie aus zwei alten Hosen schneiderte und teilweise mit Fellen besetzte. Dafür gab es die Goldmedaille des Kürschner-Zentralverbandes.Heute hat sie wieder häufiger junge Kundinnen und Kunden. Die haben oft geerbt und wissen nichts anzufangen mit alten Nerzmänteln oder Persianer-Jacken. Schnitte und Farben entsprechen meist nicht mehr der aktuellen Mode. Sie einfach so wegzuwerfen, finden die meisten Menschen jedoch zu schade. Manchmal aber geht es nicht anders. Denn wenn Pelze lange nicht getragen oder womöglich in Plastiktüten aufbewahrt werden, wird das Leder brüchig. Und dann ist meist nichts mehr zu machen. „Ich sage dann immer, dass das Tier zum zweiten Mal gestorben ist“, erklärt die Kürschnerin.Aber sie stößt auch immer wieder auf sehr gut erhaltene Stücke. Dann geht Trixi Telake das Herz auf. „So ein Nerz kann gut und gerne 60 bis 70 Jahre halten“, erklärt Telake. Sie macht Vorschläge zur Aufbereitung oder Umgestaltung und macht sich ans Werk. „Im Grunde genommen recycele ich nur noch“, meint die 64-Jährige und lächelt. Endlich kann sie einmal mit dem statt gegen einen Trend arbeiten. Eine ganz neue Erfahrung für die Bocholterin. […]

Serie 36,5 Grad: Klaus und Christa Hoffs – Die Intendanten

Von BERTHOLD BLESENKEMPER (Text) und und MICHAEL DEUTZ (Foto)Die einen nennen sie Theater ohne Heimat, andere das nicht nur dem Namen nach schärfste Kleinkunstprogramm der Welt: Seit fast 20 Jahren bereichert die Bühne Pepperoni die Kulturlandschaft Bocholts. Gleichzeitig hat sie den Namen der Stadt weit über deren Grenzen hinaus bekannt gemacht. Künstler wie Dieter Hildebrandt, Jürgen van der Lippe, Dieter Nuhr, Jürgen Becker, Alfred Biolek, Volker Pispers oder Urban Priol haben auf ihren Brettern gespielt. Mittendrin und nie nur dabei die Gründer und Intendanten Klaus und Christa Hoffs. Für das Ehepaar ist Pepperoni ein Lebenswerk.Klaus Hoffs winkt ab. Von solchen Begriffen will er nichts wissen. Und doch freut er sich still. Man erkennt es an dem kleinen Blitzen im äußersten Augenwinkel. Aber nur ganz kurz. Dann grummelt der 74-Jährige in gewohnter Manier weiter. Ehefrau Christa hält sich im Hintergrund. Und doch ist sie immer präsent. Die Bocholterin wählt das Programm mit aus, organisiert, telefoniert und ist nicht zuletzt die gute Seele, wenn es darum geht, die Künstlerinnen und Künstler am Auftrittsabend mit selbst Gekochtem zu Verwöhnen. „Endlich mal keine Mettwürstchen“, soll Comedy-Start Guido Cantz bei seinem Pepperoni-Engagement dazu begeistert ausgerufen haben.Gerade der persönliche Kontakt zwischen den Machern und ihren Schützlingen ist es, was die Bühne ausmacht. „Wir sehen und jeden Künstler vorher persönlich an“, erklärt Klaus Hoffs. Na ja, fast jeden. Ein einziges Mal haben die beiden eine Ausnahme gemacht und den Vertrag sozusagen blind unterschrieben. „Es war eine Katastrophe“, bilanziert Christa Hoffs und deckt den Mantel des Schweigens über die weiteren Details dieses Gastspiels.Welche Bedeutung Pepperoni in der Zwischenzeit erreicht hat, zeigt der vom Ehepaar Hoffs 2003 ins Leben gerufene, alle zwei Jahre vergebene nordrhein-westfälische Kleinkunstpreis. Volker Pispers war seinerzeit der erste Gewinner. Unter anderem Urban Priol, Dieter Nuhr und Dieter Hildebrandt folgten ihm. Am 6. Oktober 2018 wird Sebastian Pufpaff damit ausgezeichnet. Die Laudatio hält der Preisträger von 2016, Christian Ehring. Allein diese Namen lesen  sich wie das who is who des deutschen Kabaretts.Klaus Hoffs führt den Erfolg seiner Bühne auf Hartnäckigkeit zurück. Es könnte aber auch an der Kompromisslosigkeit der beiden liegen. Denn wenn es um ihre Pepperoni geht, weicht das Ehepaar auch einem offenen Streit nicht aus. Stadtmarketingchef Ludger Dieckhues weiß davon ein Weihnachtslied zu singen.Auch wenn sie schon viel erreicht haben, ein Wunsch bleibt für Klaus und Christa Hoffs offen. Beiden träumen nach dem vergleichsweise einfachen Beginn im Barloer Saal Wissing-Flinzenberg, nach Intermezzos in der Aula das Kapu und nicht immer optimalen Gastspielen im TextilWerk von einer ihrem hochprofessionellem Programm würdigen Spielstätte. Modern sollte sie sein, mit toller Akustik und einem Saal, der es erlaubt, auch die ganz Großen der Branche nach Bocholt zu holen. „Manche treten nun mal prinzipiell nicht in Sälen unter 1000 Zuschauern auf“, so der Intendant.Ein Grund mehr für Klaus und Christa Hoff, sich von der ersten Sekunde an in der Bürgerstiftung Bocholt und damit für den Erhalt und Ausbau des Schützenhauses zu engagieren. Ein Stadt mit mehr als 70.000 Einwohner brauche solch ein Projekt, sind sich die beiden sicher. Nur mit einem im wahrsten Sinne des Wortes anziehenden kulturellen Zentrum könne der Anspruch erhalten und die weichen Standortfaktoren des wirtschaftlichen Mittelzentrums gestärkt werden. „Wir müssen einfach was tun“, meint Klaus Hoffs. Fast klingt es wie ein Vermächtnis. […]

Serie 36,5 Grad: Der “Bitcher” – Nix für Seitenscheitel-Griller

Von BERTHOLD BLESENKEMPERBeim Grillen verwandelt sich Philipp Schlatt in einen knallharten Stahlburschen. Dann wird aus dem 28-jährigen Betriebswirt und Dachdecker ein cooler Marketingfachmann mit Vorlieben für saftige Rinder-Steaks und markige Sprüche. „Alles unter 300 Gramm ist bei mir Carpaccio“, meint der Bocholter lässig und wendet ein Filet in seinem glänzenden „Bitcher“. So heißt der Oberhitzegrill, den Schlatt zusammen mit drei Freunden entwickelt hat. Das Gerät fällt auf durch sein puristisches Design und mehr als 800 Grad Hitze, die ein spezieller Gasbrenner entwickelt. „Nix für Seitenscheitel-Griller“, meint Phillip Schlatt und kann sich dabei ein leichtes Grinsen nicht verkneifen.Die Idee zum Bitcher kam dem Quartett während einer Party. Es müsste etwas geben, was die „Gutesteaksgibtesnurimsteakhouse-Meinung“ pulverisiere, so die vier. Ein, zwei Bierchen weiter war auch der passende Name gefunden: „The Bitcher“. Vornehm ins Deutsche übersetzt, bedeutet das „Der Unartige“. „Der Name sollte die Philosophie widerspiegeln und leicht zu merken sein“, erklärt der Bocholter. Die vier entwickelten, experimentierten bauten einen Prototypen, verhandelten mit Zulieferern und gründeten schließlich die Stahlburschen GmbH. Die hat den „Bitcher“ inzwischen erfolgreich auf den Markt gebracht.Der Grill hat mit seinen 26 Zentimetern Breite und 40 Zentimetern Tiefe Platz für zwei Steaks. „Aber wir schrecken auch nicht vor Würstchen, vor Geflügel oder Gemüse zurück. Nur sollte man das alles auf einer tieferen Ebene und damit bei weniger Hitze grillen“, erklärt der 28-Jährige. Wer’s größer braucht, der kann den GroBI bestellen, den großen Bitcher mit zwei Brennkammern und doppelt so großer Fläche.Die enorme Hitze, die der Bitcher ausstrahlt, macht das Grillen sehr schnell. Innerhalb von einer Minute sind die Brennkammern auf Temperatur. Legt man dann das Steak zwei bis drei Zentimeter darunter, kann man es bereits nach rund 60 Sekunden wenden. „Nur nicht mit langem Vorspiel aufhalten“, so die Devise der Erfinder. Ist das Fleisch schließlich fertig, sollte es auf der untersten Ebene noch für ein, zwei Minuten ruhen. Danach kann es aufgeschnitten und in kleinen Portionen serviert werden.Verkauft wird der Grill hauptsächlich online. Hier wird der Bitcher unter dem Hashtag #bitchyourbeef promotet. In Bocholt bietet Philipp Schlatt ihn in seinem Service-Standort auf der Franzstraße 26 an. Bei Bedarf gibt es auch noch Zubehör wie Messer, Grillschürzen oder Handschuhe dazu. Neben dem Grill liefern die Stahlhelden auch gleich Rezepte und Tipps zu Handhabung mit.Längst ist das Fernsehen auf den Bitcher aufmerksam geworden. Während der BBQ-Convention in Köln stellte ein TV-Team den Grill für das Morgenmagazin von RTL vor. Auch bei der Deutschen BBQ-Meisterschaft in Fulda erntete das Gerät viel Lob.Übrigens: Nach dem Grillen werden die Stahlburschen zu Putzhelden. Dann muss der Bitcher wie jeder andere gereinigt werden. Denn auch wenn sein Name im Englischen ein wenig dreckig klingt, aussehen muss er möglichst immer 100 Prozent propper.Lesen Sie diesen Bericht auch im Bocholter Stadtmagazin PAN    […]

Serie 36,5 Grad: Gaby Frentzen – Und, wie fandse selba?

Von BERTHOLD BLESENKEMPERAlles begann mit einer „vorgezogenen Wechseljahreserscheinung“, wie Gaby Frentzen betont. Im zarten Alter von 42 Jahren hatte es die Bocholterin endgültig satt, bei Konzerten immer nur Luftgitarre spielen zu können. Deshalb kaufte sie sich in der Rockschule eine 10-er-Karte Unterricht, lernte drei, vier knackige Griffe auf dem elektrischen Saiteninstrument und rockte einfach mal drauflos. „Schön war es nicht, aber laut“, erinnert sich die Journalistin. Gaby fand vier Gleichgesinnte. Zusammen gründeten die Frauen eine Band mit dem eindeutig zweideutigen Namen „Falten/Rock“. Die feiert inzwischen ihr zehnjähriges Bestehen und starte Mitte September zu einer viertägigen Jubiläums-Tour im zünftigen Nightliner-Bus (inklusive Groupies) zu so klangvollen Spielorten wie Schwanewede, Brunbach oder Vernawahlshausen. Stil ist nun mal nicht das Ende des Besens. Erst Recht nicht für echte Rock’n’Rollerinnen.Dabei wurde Gaby Frentzen Rhythmus und Klangsicherheit nicht gerade in die Wiege gelegt. Sie wuchs in der Bärendorfstraße auf, ging zur Josef- und später zur Israhel-van-Meckenem-Realschule. Es folgten die Ausbildung zur Verlagskauffrau und ein Fernstudium in Jounalistik. Heute leitet Frentzen die Redaktion des Bocholter Reports.Ihre musikalische Erfahrung beschränkte sich in jungen Jahren auf den Konsum von Schallplatten und den Besuch von AC/DC-Konzerten. Die Pioniere des Hardrock waren ihre wahren Helden. Aus der Verehrung entstand der sehnliche Wunsch, es den Vorbildern wenigsten wenigstens einmal im Leben gleichtun und den Klassiker „TNT“ auf einer wie auch immer gearteten Bühne performen zu können.Der Rest ist Band-Geschichte. Zur in nur wenigen Monaten zur Leadgitarristin gereiften Frentzen, die sich fortan „Gäyb Frenny“ nannte, gesellten sich Sängerin Anni “Hannes” Oenning, Rhyth­musgitarristin Katharina “Katha” Neuenhaus, Bassistin Astrid “Higbert” Florack und Drummerin Edda Tebartz. Letztere stieg später aus und wurde – welch ein Frevel – durch einen Mann ersetzt. „Frauen für dieses Instrument zu finden, ist nun mal sehr schwierig, und wir wollten einfach nicht so lange warten“, erklärt Gaby Frentzen. Deshalb ist jetzt Jörg “Jöööärch” Sundach die Zugmaschine der Band, ein laut Internetseite allerdings ausgewiesener „Frauenversteher“.„Falten/Rock“ hatte sich von Beginn an der Musik von AC/DC verschrieben. Hells Bells, Back in Black oder Thunderstruck – gespielt werden die alten Klassiker aus der Bon-Scott-, aber auch aus der  Brian-Johnson-Zeit. Dazu garniert das Quartett seine Setlist gerne mal mit eigenen Stücken wie Kiss my Ass oder Devils Fire. Manchmal entfleucht den Ladies und ihrem Trommler sogar ein Ohrwurm, der eigentlich so gar nicht dazu gehört. „Das passiert dann, weil uns einfach danach ist”, lachen die Damen.Der erste Auftritt war im wahrsten Sinne des Wortes ernüchternd. Aber die vier machten trotzdem weiter – weil das Bier danach so gut schmeckt(e). Die Band-Devise lautet seitdem: Zocken, Spaß haben und neben Job und Familie einfach mal rotziger Rockstar sein. Dabei kennen die Gitarristinnen keine Bühne. Am liebsten spielen sie mitten im Publikum und/oder  auf der Theke. Und nach dem Gig  genießen sie das Leben echter Stars. In der Stretchlimousine mit Rotkäppchen-Sekt über die Reeperbahn, Catering auf dem Hotelzimmer mit Lachshäppchen und Kaviar, all das haben sich die Damen schon gegönnt.Der wie auch immer einzuordnende Erfolg gibt „Falten/Rock“ Recht. Man darf sich selbst halt nur nicht zu ernst nehmen. Die Band agiert denn auch eher nach der alten Fußballer-Devise „flach spielen heißt hoch gewinnen“ und übt sich in Understatement. Merke: Ist die Erwartung des Publikums gering, ist es nachher umso dankbarer.Nur in Sachen Promotion sind die Rock-Ladies echte Profis. Sie haben eine Internetseite gefüllt, sich bei Facebook ausgetobt, eine CD produziert und ein Buch herausgegeben. 2014 veröffentlichten Edda Tebartz und Gaby Frentzen gemeinsam auf 248 Seiten das spritzig-anregende Kopfkino zweier Musikerinnen aus Leidenschaft. Für 14,90 ist es heute noch online erhältlich. Der Titel: „Und, wie fandse selba?“. Wer genau hinhört, findet die Antwort in den Liedern von AC/DC: „It’s a Long Way to the Top (if you wanna Rock ‘n’ Roll)“ dröhnt es vielsagend aus den Boxen.Foto: Guido Karp […]

Serie 36,5 Grad: Walter Hintenberger – Er ist dann mal weg!

Von BERTHOLD BLESENKEMPER (Text und Foto)„Ich bin dann mal weg“, meinte vor Jahren schon TV-Entertainer Hape Kerkeling und pilgerte wochenlang über der Jakobsweg durch Nordspanien. Ähnlich knapp und konzentriert verabschiedet sich Walter Hintenberger gedanklich, wenn er von Bocholt aus zu seinen tausende von Kilometern langen Fahrradtouren aufbricht. Zwei Monate durch Neuseeland und sieben Wochen durch Mittelamerika hat der 72-Jährige hinter sich. Jetzt macht er Pläne für eine Bike-Expedition im Süden Afrikas.Räder sind Walter Hintenbergers Leben. Entweder vier, auf denen er als Fahrlehrer sein gesamtes Berufsleben verbrachte. Oder einfach nur zwei, mit denen der Bocholter seit seiner Kindheit und Jugend erfolgreich Rennen auf der Bahn und der Straße bestritt. In diese Zeit fällt auch seine erste Erfahrung mit abenteuerlichen Fernreisen. Der junge Walter bekam in den 50er Jahren das Buch „Ich radle um die Welt“ von Heinz Helfgen in die Finger. Darin beschreibt der deutsche Journalist und Reiseschriftsteller eine Tour von Düsseldorf nach Burma. „Ich habe das damals verschlungen“, erinnert sich Hintenberger.Doch zunächst hatten Job und Familie Vorrang. Erst im Rentenalter konnte Walter wieder träumen. „Während einer Trainingsfahrt auf Djerba fragte mich dann jemand, ob ich nicht Lust hätte, eine Tour zu viert durch Neuseeland mitzumachen. Und da habe ich spontan ja gesagt“, erinnert sich der Bocholter.Monate später brach das Quartett auf. Schon der Flug war ein Abenteuer. „Anschließend mussten wir uns erst einmal zwei Tage im Hotel akklimatisieren und erholen“, erinnert sich der 72-Jährige. Doch dann ging es endlich los – durch ausgedehnte Hochebenen und Wälder, hohe Berge hinauf und hinunter, entlang wunderschöner Küsten – und das alles bei Wind und Wetter. Die zum Teil harten äußeren Bedingungen forderten ihren Tribut. Zwei der vier Teilnehmer brachen ab beziehungsweise fuhren allein weiter.Von nun an tourte Walter Hintenberger gemeinsam mit dem Berliner Stefan Lindner weiter. „Es ist unheimlich schwer, solche lange Fahrten in Gruppen zu machen, weil jeder seinen eigenen Rhythmus fahren muss. Du kannst am Berg nicht auf jemanden warten, sonst bis zu sofort raus“, schildert der Fachmann. Und was ist ihm von den grünen Inseln nach sage und schreibe 4222 Kilometern und 42.000 Höhenmetern in Erinnerung geblieben: „Wunderbare Natur, herzliche Menschen … und rücksichtslose Lkw-Fahrer. Wenn du nicht höllisch aufpasst, hängst du so vor deren Kühler“, meint Hintenberger.Ganz anders Anfang diesen Jahres bei seiner Tour durch Mittelamerika. Wieder mit Stefan Lindner tourte er von Mexiko aus durch Guatemala, El Salvador, Nicaragua und Costa Rica bis nach Panama City. „Nur Honduras haben wir ausgelassen. Dort war es uns einfach zu gefährlich“, berichtet der 72-Jährige. Mit Karten, Handys und leichtem Gepäck bewaffnet, ging es über Landstraßen von Etappenziel zu Etappenziel. „Stefan hatte das vorher alles fein säuberlich ausgearbeitet“, berichtet Hintenberger. Der Rest war Improvisation. „Ich spreche ja kein Englisch und auch kein Spanisch. Deshalb muss es bei mir eben mit Händen und Füßen gehen“, schildert der Bocholt schmunzelnd.Vorbei führte der Weg am Atitlan-See, den Alexander von Humbodlt einst als den schönsten der Welt bezeichnet hatte, an beeindruckenden Überresten der Maya-Hochkultur, an Regenwäldern und Nationalparks. Übernachtet wurde dort, wo spontan zwei Betten frei waren. Dabei kam es für Walter Hintenberger zu einem ganz besonderen Erlebnis. „Einmal sind wir morgens vom Hotel aus losgefahren. Rund einen Kilometer später kam ein Motorrad hinter uns her. Der Fahrer winkte und rief“, schildert der 72-Jährige. Das zunächst ungute Gefühl wich und wurde zu echter Freude, als der Bocholter feststellte, dass ihm der motorisierte junge Mann sämtliche Reisepapiere und die rund 1000 Dollar große Reisekasse brachte, die Walter Hintenberger im Hotelzimmer vergessen hatte. Auch sonst kann der 72-Jährige nur Gutes von den Menschen in Mittelamerika berichten. „Sie sind arm, aber sehr herzlich und gastfreundlich“, so das Fazit des Bocholters.Ähnliche Voraussetzungen erhofft er sich auch von Südafrika. Dorthin soll es als nächstes gehen. Vorher aber muss Walter Hintenberger noch ein wenig Gewicht zulegen. Sieben Kilogramm hat er während der 3600 Kilometer langen Mittelamerika-Fahrt bei über 29.000 Höhenmetern abgenommen. Die waren dann auch mal einfach so wegLesen Sie diesen Bericht auch im Bocholter Stadtmagazin PAN  […]

Serie 36,5 Grad: Einfach nur Milla

VON BERTHOLD BLESENKEMPER (Text) und KIRSTEN ENK (Foto)Sie ist ein Kind der Vorstadt. Immer schon. Im kleinen, verträumten Mussum wuchs Ludmilla Lohscheller auf. Und hierhin kehrt sie noch heute Tag für Tag zurück, wenn sich nachts die Tür des neuen Cityhotels und des nach ihr benannten  Restaurants „bei Milla“ abschließt. „Mein Zuhause ist meine Oase, mein Idyll. Da kann ich auftanken“, erklärt die 47-Jährige. Sagt es, und stürzt sich schon wieder in den Alltagsstress einer Gastronomie, die von morgens bis abends geöffnet ist. Wer da bestehen will, braucht Ellenbogen.Nur gut, dass die Chefin das Durchsetzungsvermögen – im übertragenen Sinne – in die Wiege gelegt bekommen hat. Ludmilla wuchs als kleines, rothaariges Mädchen mit einem seltenen russischen Namen aus der Zeit des kalten Krieges auf, in der Kinder mit feurigem Schopf gerne und oft verspottet wurden. Das machte die Zeit in der Schule hart.Mitte der 80er Jahre wurde es einfacher. Die Mussumerin absolvierte ihre mittlere Reife und eine Lehre. Das Vorstadtleben nahm seinen Gang. Hochzeit, Schwangerschaft, die Geburt ihres heute 27-jährigen Sohnes Maik, später Scheidung – Ludmilla Lohscheller klammert allzu Privates lieber aus.Zur Gastronomie kam die 47-Jährige indes „wie die Jungfrau zum Kinde“, wie sie schmunzelnd berichtet. 2009 wurde ihr nach der Insolvenz der Bäckerei, in der sie damals arbeitete, gekündigt. Daraufhin nahm Ludmilla das Angebot an, aushilfsweise in einer Gaststätte zu arbeiten. Aus dem anfänglichen 450-Euro- wurde eine Vollzeitjob. Und die Mussumerin fand Gefallen am Kellnern und Servieren. „Ich habe halt gerne mit Menschen zu tun“, schildert Lohscheller.In diese Zeit fiel auch die Erfindung ihres Spitznamens, der heute ihr Markenzeichen ist. „Die Gäste haben immer gefragt, warum ich Ludmilla heiße und ob ich aus dem Osten komme“, erklärt die 47-Jährige. Auf die Antwort, dass sie nach der Lieblingspuppe ihre Mutter benannt worden war und aus Mussum stamme, verzichtete sie und nannte sich fortan lieber in Kurzform „Milla“. Das war nicht nur einprägsamer, sondern ließ der Grad der Neugierde auch auf den Nullpunkt sinken. Einfach nur Milla!Nach einiger Zeit wechselte die Spätberufene ins Werk II am Gasthausplatz. Als dort 2013 ein Wirtewechsel  anstand, bot man der Angestellten an, das Hotel-Restaurant zu pachten. „Wenn ich damals gewusst hätte, was auf mich zukommt, hätte ich es rückblickend wahrscheinlich nicht gemacht“, erinnert sich die Gastronomin. In dieser Zeit zahlte sich ihre positive Grundeinstellung aus. Millas Devise: „Irgendwie geht’s immer weiter!“Mit viel Fleiß und Ausdauer machte sie das Werk II zu einem Anlaufpunkt. Und das, obwohl die Verlängerung des Pachtvertrages schon sehr früh in Zweifel stand. Der Immobilieneigentümer hatte wohl andere Pläne. Deshalb griff Milla ohne langes Zögern zu, als ihr die Übernahme des traditionsreichen Hauses Katteker an der Ecke Ravardistraße/Rebenstraße angeboten wurde. Die Familie Groß-Hardt hatte die Immobilie dort gekauft und plante eine Renovierung und Neugestaltung von Grund auf.Entstanden ist ein kleines, aber sehr feines Hotel mit angeschlossener Gastronomie. „Für mich war das wie ein 6er im Lotto“, schildert Ludmilla Lohscheller. Sie konnte nicht nur Ihre Erfahrungen aus dem Werk II einbringen, sondern auch gestalterische Wünsche äußern. Kein Wunder, dass die 47-Jährige sowohl mit ihrer Person als auch im Restaurant mit dem eigenen Namen und dem Herzen hinter dem Konzept steht.Dabei ist moderne Gastronomie alles andere als ein Zuckerschlecken. „Die größte Schwierigkeit ist es geeignetes Personal zu finden“, meint die Wirtin. Zwar wechselte ihr komplettesTeam mit vom Werk II an die Rebenstraße, doch wegen der erweiterten Öffnungszeiten dort wird Unterstützung benötigt. Die Suche dauert an. Überall springt die Chefin ständig selbst mit ein. Das erhöht den Stressfaktor. Umso mehr freut sie sich Milla dann wieder auf ihr Mussum, auf ihre trautes Heim, ihren Lebensgefährten Christian, ihre Pilates-Training im eigenen Fitnessraum und ihre Katzen Luna und Jasper. Hier ist sie Mensch, hier kann sie sein – einfach nur Milla!Lesen Sie diesen Bericht auch im Bocholter Stadtmagazin PAN […]

Serie 36,5 Grad: Hermann Göring hat sich mit diesem Namen einen guten Namen gemacht

Von BERTHOLD BLESENKEMPERManchmal kann schon der Geburtsname eine schwere Bürde sein. Erst Recht, wenn man wie einer der führenden deutschen Nationalsozialisten und Kriegsverbrecher Hermann Göring heißt. Hermann Göring aus Bocholt lächelt. „Für mich selbst war das eigentlich nie ein Problem“, erklärt er. Im Gegenteil: „Diesen Namen konnten sich einfach alle merken. Den hat so schnell keiner vergessen“, meint der ehemalige Textilhändler. Heute ist der 80-Jährige erfolgreiche Vertriebsrepräsentant des bekannten Brühler Künstlers Andreas Noßmann. Und auch in der Kulturszene hat sich Hermann Göring mit seinem Namen und trotz seines Namens einen guten Namen gemacht.Wer wie der Bocholter bei Kriegsausbruch drei Jahre alt war, steht außer Verdacht, selbst ein aktiver Nazi gewesen zu sein. Auch die Namenswahl seiner Eltern hatte rein gar nichts mit Politik zu tun. „Mein Großvater hieß Hermann und mein Urgroßvater auch. Und zur damaligen Zeit war es nun mal üblich, einen Jungen nach dem Opa zu nennen“, meint Hermann Göring, Und schon hatte er seinen historisch belasteten Namen weg.Schwierigkeiten hat ihm das nach eigenen Angaben nie bereitet. Im Gegenteil: Hermann Göring blickt auf zahlreiche Anekdoten zurück. So salutierte einmal während seiner Bundeswehrzeit ein General augenzwinkernd vor dem Gefreiten Göring – und beiden grinsten sich dabei an. Ein anderes Mal fühlten sich zwei Polizisten mächtig auf den Arm genommen, als sie bei einer Verkehrskontrolle den Ausweis des Bocholters in die Finger bekamen. Hermann Göring grüßt einen der beiden nach eigenen Angaben heute noch freundlich, wenn er ihn in der Bocholter City trifft.Einzig in der Phase, in der er als Vertriebler einen neuen Kollegen einarbeiten musste, der tatsächlich Joseph Goebbels hieß, wurde es ein wenig haarig. Sich als Göring und Goebbels in ein Hotel einzubuchen oder bei einem Unternehmen vorzustellen bescherte den beiden so manch ungläubiges Kopfschütteln oder gar böse Blicke.Aber das waren und sind Ausnahmen. Hermann Göring besitzt das Talent, mit einer spürbaren Portion Selbstbewusstsein und seiner offenen Art auf Menschen zuzugehen. Das macht es dem Gegenüber leicht, über den seltsamen Namen hinwegzuschauen. Und plötzlich spielt dieser überhaupt keine Rolle mehr und Wichtigeres rückt in den Vordergrund.  Hermann Göring selbst spricht denn auch lieber über Malerei, über seine Begeisterung für die Werke von Andreas Noßmann, über dessen Talent und „unglaubliche Kreativität“. Dabei kam der Bocholter eher zufällig zur Kunst. Gemeinsam mit seiner Frau suchte er ein paar Bilder für eine neue Wohnung. Er stieß auch Zeichnungen, Grafiken und Stillleben des gebürtigen Hildeners. „Für mich war gleich klar: das ist es!“, berichtet der 80-Jährige.Er wollte mehr über den Künstler erfahren, besuchte diesen zu Hause in seinem Atelier, nahm ein paar Werke mit nach Bocholt und verkauft sie innerhalb kürzester Zeit. Das wiederholte sich. Heute sind der Künstler und sein Vermarkter Freunde. Zuletzt trafen sie sich bei einer Vernissage im so genannten „Kemminghaus“ an der Nordstraße 18 in Bocholt. Dort haben Hermann Göring und Peter Koenen bis Ende Mai auf eine 230 Quadratmetern eine Ausstellung mit Bildern lokaler, internationaler und prominenter Künstler eröffnet. Dort finden sich neben Werken von Noßmann solche von Jens Henning, James Rizzi, Günter Grass, W. Schlote, Claus Schenk, Fritz Brauwers, Paul Thierry, Michel Friess, Otto Waalkes, Udo Lindenberg und Armin Mueller-Stahl. Alles ebenfalls gute Namen.Lesen Sie diesen Bericht auch im Bocholter Stadtmagazin PAN  […]

Serie 36,5 Grad: Hans-Jürgen Dickmann – Begegnung in Afrika

Von BERTHOLD BLESENKEMPER (Text und Foto)Es begann diesseits von Afrika. Hans-Jürgen Dickmann bekam Weihnachten ein Buch geschenkt. „Mandela: Mein Gefangener, mein Freund“ erzählte die berührende Geschichte einer außergewöhnlichen Beziehung zwischen dem wohl berühmtesten politischen Gefangenen der Welt und seinem Gefängniswärter Christo Brand. Weil der Bocholter die fesselnde Erzählung nicht zu Ende lesen konnte, nahm er sie Ende Januar mit in den Urlaub. Und wie der Zufall so will: Dort in Kapstadt traf er prompt Christo Brand, den Autor, der Nelson Mandela so lange beaufsichtigt hatte und dessen Buch Dickmann in Händen hielt. Man kam ins Gespräch, traf sich später noch einmal zum Abendessen und tauschte sich aus. „Sehr beeindruckend“, berichtet Dickmann.Die Geschichte hinter der Geschichte ist bekannt. Sie handelt von Nelson Mandela, dem Sohn eines schwarzen Stammesführers und Kämpfer gegen die Rassentrennung in Südafrika. Ihm gegenüber steht Christo Brand, ein einfacher weißer Bauernsohn aus der Provinz. Die beiden so unterschiedlichen Menschen begegnen sich im Gefängnis auf Robben Island. Mandela ist lebenslänglich inhaftierter Freiheitskämpfer, Brand ein – als Alternative zum Wehrdienst – vom Staat rekrutierter Aufseher. Und dann geschieht das Ungewöhnliche. Zwischem dem 60-jährigen Gefangenen und dem 19-jährigen Wärter entwickelt sich eine außergewöhnliche Freundschaft.Brand verschafft Mandela immer wieder ein paar kleine, gegen die Vorschriften verstoßende Vorteile. Einmal bringt er ihm und anderen Inhaftieren des ANC zu Weihnachten einen von seiner Frau gebackenen Rosinenkuchen mit. Ein anderes Mal verlängert er eigenmächtig die Besuchzeiten von Verwandten oder ermöglicht Gespräche mit anderen Gefangenen. Im Gegenzug betrachtet der junge Wärter den Widerstandskämpfer mit der Zeit als eine Art väterlichen Freund. Diese Verbindung halten beide Männer selbst nach Mandelas Freilassung aufrecht.Christo Brand berichtet in seinen von der Journalistin Barbara Jones erzählten Buch davon. Und Hans-Jürgen Dickmann war von Beginn an gefesselt. „Diese immer wieder auftauchenden Beispiele von zivilem Ungehorsam haben mich stark beeindruckt“, meint der 65-Jährige. Als so genannter Alt-68er, der früher gegen die Eltern-Generation revoltierte, ist ihm solches Aufbegehren nicht fremd. Vielleicht war es das, was beim ersten Aufeindertreffen des Lesers mit dem Autorem eine Art Brücke schlug.Dickmann war zuvor mit seiner Frau Susanne sowie seiner Schwägerin und seinem Schwager nach Südfarika gereist. Dort wurde das Quartett von der Ex-Bocholterin Anne Möllmann und ihrem Mann Manfred durchs Land geführt. Anne Möllmann kannte als professionelle Reiseführerin Christo Brand von ihren Ausflügen nach Robben Island, wo der ehemalige Gefängniswärter heute Touristen ein Stück Weltgeschichte hautnah vermittelt. Sie war es auch, die per Telefon einen ersten, zunächst nur rund 15-minütigen Kontakt in Kapstadt herstellte. Christo Brand signierte brav das Buch Dickmanns. Man plauderte – und schon schien alles vorbei.Umso überraschter waren die Bocholter, als Estelle Brand, die Frau des Südfarikaners, am nächsten Tag anrief und ein neuerliches Treffen vorschlug. Ihrem Mann habe die Visite tags zuvor sehr bemerkenswert gefunden, berichtetet sie. Man verabredete sich erneut – diesmal zum Abendessen – und plauderte bei Spaghetti Bolognese, Salat und südfarikanischem Rotwein über Gott und die Welt. „Ich war überrascht, wie einfach, zuvorkommend, ja normal das Ehepaar war“, erklärt Hans-Jürgen Dickmann. Man verabschiedete sich mit einer Zusage. „Wenn Christo Brand mal wieder zu einer Lesung oder einem TV-Interview in die Nähe von Deutschland kommt, ist er bei uns zu Hause in Bocholt eingeladen“, erklärt Hans-Jürgen Dickmann. Versprochen!Lesen Sie diesen Bericht auch im Bocholter Stadtmagazin PAN […]

Serie 36,5 Grad: Florian Sauret – Der Stimmgewaltige

VON BERTHOLD BLESENKEMPERFlorian Sauret hat aus einer krankheitsbedingten Not eine Tugend gemacht. Er führt Einheimische und Touristen als Bocholter Nachtwächter durch die Stadt.„Name?“… „Florian Sauret“ – „Alter?“ … „36“ – Beruf? … „Nachtwächter“. Spätestens an diesem Punkt wird jeder Fragesteller stutzig. „Sie meinen Security-Mitarbeiter oder Objektschützer?“. Nein. Florian Sauret ist tatsächlich Nachwächter. Mehr als 100 mal jährlich führt er in historischem Kostüm Gäste durch Bocholt. Mit lauter, unverwechselbarer Stimme erzählt er überlieferte Tatsachen, geschichtlich verklärte Gerüchte und gerne auch mal das eine oder andere Anekdötchen. Längst hat sich Sauret über die Grenzen der Stadt hinaus einen Namen gemacht. Und so kreuzt der 36-jährige mit dem Markenzeichen Vollbart auch mal in Rhede als Tutemann, in Dinxperlo als Schmuggler, tagsüber  auf dem Bocholter Wochenmarkt als Kiepenkerl oder in Kindergärten der Stadt als Räuber Hotzenplotz, Weihnachtsmann oder Nikolaus auf. „Als Dienstleister muss man eben flexibel sein“, meint der Nachtwächter mit einem Schmunzeln.Der gebürtige Bocholter hat aus der Not eine Tugend gemacht. Eigentlich wollte er Lehrer werden. Dafür hatte Florian Sauret nach der Grund- und Hauptschule sein Abitur am Berufskolleg am Wasserturm gemacht und in Münster Geschichte und katholische Theologie studiert. Während dieser Zeit erhielt er von seinen Ärzten jedoch eine niederschmetternde Diagnose: Narkolepsie. Diese im Volksmund auch als „Schlafkrankheit“ bezeichnete neurologische Erkrankung lässt die Betroffenen manchmal urplötzlich einschlafen. „Mir war sofort klar, dass ich damit meinen Beruf nicht würde ausüben können“, erklärt der Bocholter. Auch fast jeder andere Job rückte in weite Ferne. Denn Narkoleptiker dürfen kein Auto fahren.Was tun? Florian Sauret steckte den Kopf nicht in den Sand. Er heuerte beim Stadtmarketing als Fremdenführer an. Mit der Zeit bekam er ein Gespür für die Wünsche der Kundinnen und Kunden. „Die wollen nicht nur informiert, sondern möglichst auch unterhalten werden“, so der 36-Jährige. In der Folge entwickelte er verschiedene Figuren: den Nachwächter, den preußischen Offizier, den Kiepenkerl, den Weingott Bacchus und, und, und…Zudem arbeitete Sauret diverse Touren aus. Bis zu einem Jahr kann es dauern, bis so ein Rundgang endgültig steht. Dabei schafft es Florian Sauret immer wieder, selbst eingefleischte Bocholter zu überraschen. So zum Beispiel, wenn er die Geschichte der heimischen Henker-Dynastie Schweppes erzählt. Über Generationen brachte die nicht nur den Tod, sondern rettete im damals für diesen Beruf üblichen Nebenjob Chirurgie auch so manches Leben. Für „Aha“-Erlebnisse  sorgen außerdem immer wieder die Erklärungen von Straßennamen wie Raverspurte, Neutor, Schanze, Nordwall oder Ostmauer, die auf die alte Stadtbefestigung zurückzuführen sind. Besonders beliebt sind bei den Kunden das Bocholter Ritter- und Bürgermal, die über vier Stunden gehende kulinarische Tour, die Kiepenkerlrunde über den Markt oder die Kneipentour. Apropos: Kaum jemand weiß, dass in Bocholt vor dem 30-jährigen Krieg sage und schreibe 48 Brauereien ansässig waren. Der dazu passende, steht augenzwinkernd vorgetragene Spruch des Nachtwächters lautet: „Das erklärt so manches. Es liegt halt in den Genen…“Touristen gegenüber verkörpert Florian Sauret gerne den typischen Bocholter – immer leicht grummelnd, gerne meckernd am liebsten unnahbar. „Das ist zumindest das Selbstbild, das wir von uns haben. Doch die Fremden sehen das ganz anders. Ich höre immer wieder, wie nett und aufgeschlossen die Bocholter eigentlich sind“, verdeutlicht der 36-Jährige. Noch etwas fällt auswärtigen Gästen regelmäßig auf: die Sauberkeit in der Stadt. Und das liegt nicht etwa daran, dass der Nachtwächter die City meist im Dunkeln durchstreift.Wenn Zeit bleibt und Angebote kommen, spielt der 36-Jährige bei kleinen Filmproduktionen mit.  Im Tatort Münster war er schon zu sehen und als Komparse beim Film über den jungen Karl Marx. Im Lutherjahr verkörperte er zudem mehrmals den großen Reformator.Übrigens: Wer eine Tour von Florian Sauret erleben möchte, muss sich zu nachtschlafender Zeit einfach nur vors Historische Rathaus zu Bocholt stellen und geduldig warten, bis ein grummelnden Mann mit Vollbart in langer brauner Kutte und ausgestattet  mit Laterne sowie Hellerbarde vorbeikommt und beginnt, stimmgewaltig um den Preis zu feilschen. Man kann ihn aber auch einfach per Handy unter +49 176 96444317 anrufen. Manchmal ist es eben doch ganz vorteilhaft, in der Gegenwart zu leben…Lesen Sie diesen Bericht auch im Bocholter Stadtmagazin PAN  […]

Serie 36,5 Grad: Klaus Renzel – Clown mit Planstelle

Von BERTHOLD BLESENKEMPER (Text)Er beherrscht die lauten Töne ebenso wie die leisen, die Klassik nicht weniger exakt als den Rap. Klaus Renzel kann zu Tränen rühren und animiert nur Sekunden später zu herzhaftem Lachen. So durchleben die Zuschauer des 53-jährigen Wahl-Kölners im Verlauf einer perfekten Mischung aus Musik, Pantomime, Clownerie und Slapstick immer wieder einWechselband der Gefühle.  „Man braucht selbstverständlich Talent. Aber das meiste ist einfach harte Arbeit und jede Menge Erfahrung“, erklärt der in Rhede geborene und in Bocholt aufgewachsene Künstler.Klaus Renzel wurde als mittleres von drei Kindern im beschaulichen Lowick (links der Aa) groß. Den prägendsten Teil seiner Schulzeit verbrachte er am altsprachlichen St.-Josef-Gymnasium. Sein Vater, ein Textilkaufmann, hätte ihn anschließend gerne in einem zukunftssicheren Bürojob gesehen.  Doch Klaus war Künstler. Immer schon! „Mit sechs Jahren habe ich meine erste Gitarre bekommen und seitdem jeden Tag gespielt“, erinnert er sich.Am „Kapu“ fand Klaus Renzel mit Pater Bernward und Musiklehrer Klöcker zudem Förderer, die ihn in seiner Absicht bestärkten, die Leidenschaft auch zum Beruf zu machen. So wechselte Klaus nach seinem Abitur nach Münster und studierte Musik. Ein Urlaub im kalifornischen San Francisco brachte ihn schließlich zur Pantomime. „Für mich war es der optimale Ausgleich zur Musik, bei der man immer viel sitzt und stundenlang übt“, er-klärt Renzel. Er lernte, auch seinen Körper wie ein Instrument zu behandeln und zu beherrschen. Mimik, Gestik und Improvisation kamen hinzu.Spätestens jetzt war klar, dass die klassische Musik alleine nicht mehr reichte. Der Bocholter kehrte zurück nach Deutschland, erarbeitete erste Kurzprogramme und fand in schwerkranken Kindern sein erstes, begeistertes Publikum. „Mich hat damals jemand von der Uniklinik Münster angesprochen. Und so wurde ich einer der ersten Klinikclowns in Deutschland“, erzählt der heute 53-Jährige. Es folgten erste Soloprogramme auf Straßenfesten, Messen und Kongressen. 1986 erschien Klaus Renzels Langspielplatte „Saitenreise“ mit Eigenkompositionen. Danach absolvierte der Künstler zusätzlich eine Ausbildung im Bereich Ballett, ModernDance und Pantomime. Klaus Renzel ging auf Tournee.2003 erinnerte er sich an seine Anfänge in den Kliniken und betätigte sich erneut im Gesundheitswesen – diesmal jedoch in Pflegeheimen und Hospizen. „Die Menschen dort haben meist nicht mehr viel zu lachen. Umso wichtiger ist es, dass man den Humor zu ihnen bringt“, erklärt der damals bundesweit erste Clown mit Planstelle in einem Seniorenheim.Die Erinnerung daran lässt den 53-Jährigen über seine eigene Zukunft nachdenken. „Ich habe den schönsten Beruf der Welt, weil ich genau das machen kann, was mir jeden Tag Spaß macht. Aber das ständige Reisen ist auf Dauer irgendwann nervig“, erklärt der Künstler. Dies gilt vor allem auch deshalb, weil Klaus Renzel längst eine eigene Familie hat. Vor allem seine jüngste, erst drei Jahre alte Tochter lässt ihn so ab und zu am unsteten Tourneeleben zweifeln. Der Bocholter hat vorgesorgt. Seine breit gefächerte, solide Ausbildung befähigt ihn, sein Wissen jederzeit an Jüngere weiterzugeben. Klaus Renzel als Dozent oder gar Professor an einer Hochschule? Eines steht fest: Das wird auf jeden Fall lustig!Lesen Sie diesen Bericht auch im Bocholter Stadtmagazin PAN SCHON MAL ZUM VORMERKEN!!!PERLEN DES VARIETÉ mit Klaus RenzelAM FREITAG, 05.01.2018ALTE MOLKEREI, WERTHER STR. 16 […]

Serie 36,5 Grad: Marco Launert – Netzwerker mit Noten

Von BERTHOLD BLESENKEMPER (Text) und NINA BANNEMANN (Foto)Musik ist sein Leben. Sie steht bei Marco Launert an erster Stelle – und zwar immer, zumindest aber fast immer. „Wenn ein paar Minuten bleiben, gehe ich auch ganz gerne mal Angeln“, meint der Gründer der Rockschulen in Bocholt, Hamminkeln, und Wesel. Ausgerechnet Zeit aber bleibt neben dem Musizieren, Unterrichten, Komponieren, Arrangieren, Produzieren und Organisieren wenig. Stress? „Nein, wenn man etwas mit Leidenschaft macht, fällt es leicht. Anders ginge es auch gar nicht. Es darf nur nie einfach nur ein Job werden“, erklärt der 44-Jährige.Damit wäre wohl auch schon das Erfolgsgeheimnis der Gitarristen und Schlagzeugers erklärt. Wenn es um Musik geht, ist Marco Launert überzeugt kompromisslos. „Ich mache grundsätzlich nur das, was mir Spaß macht“, so der Wahl-Niederrheiner. Vielleicht liegt das an seinen Wurzeln im Ruhrgebiet. Marco Launert wuchs in Essen als Sohn eines Gitarristen auf, der mit seiner Live-Band in Kneipen und Säle gastierte und dabei Rock- und Pop-Songs coverte. So wurde der Junge praktisch schon in der Wiege mit Noten infiziert. Im Alter von zwölf Jahren brachte Launert sich selbst das Gitarrespielen bei, mit 14 gründete er die Band „Blind Alley“, mit 15 gab er ersten Unterricht. Spätestens zu dieser Zeit wurde ihm klar, dass Musik auch seinen Berufswunsch dominierte.Doch vorher galt es noch, die Schule ordentlich abzuschließen. Marco Launert machte Abitur, leistete Zivildienst und studierte ein paar Semester Betriebswirtschaftslehre. „Das hilft mir heute“, meint er. Denn ganz ohne Zahlen und Analysen geht es auch in der Musik nicht. Gleichzeitig wurde ihm klar, dass er seine Arbeitszeit nicht hinter einem Schreibtisch verbringen konnte. Er brach das Studium ab und zog nach Hamminkeln-Loikum unmittelbar an die Issel. „Ich wollte immer schon auf dem Land leben“, erklärt Launert.Im benachbarten Hamminkeln gründete er 2005 seine erste Rockschule. Filialen in Bocholt und Wesel folgten. „Viele Freunde haben mich für bescheuert erklärt“, erinnert er sich. Ausgerechnet auf dem Land ein solches Experiment zu wagen? Marco Launert tat es und hatte von Beginn an Erfolg. Woran lag es? „Wenn heute ein Kind ein Instrument lernen will, geht das meist klassisch über die Musikschule. Ich habe einen anderen Ansatz und setzte von Anfang an ganz auf Rock- und Pop“, erklärt der Loikumer.  Das war ganz offenbar eine Marktlücke. Hinzu kam ein ganzheitlicher Betreuungsansatz. Marco Launert unterrichtet seine Schützlinge nicht nur einfach, er stellt sie auch zu Bands zusammen, organisiert technisches Equipments und Auftrittsmöglichkeiten, die Teilnahme an Festivals oder Musikreisen und, und, und.Als besonders erfolgreich erwiesen sich im Laufe der Zeit die so genannten Sofa-Konzert-Reihe der Rockschule und diverse Straßenmusikfestivals. Mit beiden schlägt Marco Launert zwei Fliegen mit einer Klappe. Seine Schüler erhalten Auftrittsmöglichkeiten, die der Inhaber parallel vermarkten kann. Stadtmarketinggesellschaften und andere Event-Veranstalter wiederum freuen sich, von Launert ein Komplettpaket geliefert zu bekommen.Der Musiker hat scheinbar überall Kontakte. Über Jahre hinweg hat er ein dichtes Netzwerk aus Noten geknüpft. So leitet der Musiker auch überregionale Projekte und Seminare. Zum Beispiel  arbeitet er mit dem Bundesverband Popularmusik zusammen. „Musik eignet sich hervorragend bei der Betreuung von Jugendlichen. Man lernt Disziplin, Toleranz, das Teamwork mit  anderen und vieles mehr“, verdeutlich der Lehrer.Apropos Seminare: Um zu entspannen, angelt der 44-Jährige. Beigebracht hat ihm das sein Opa. Auf beim Angeln gibt Launert Kurse für Kinder. „Dabei geht es aber weniger darum, Fische zu fangen, sondern mehr um Naturerfahrung und das Wissen über Pflanzen und Tiere der Region“, erklärt der Wahl-Loikumer.Doch zurück zu Musik: In diesen Tagen hat Marco Launert ausnahmsweise Zeit für sich selbst reserviert. Er produziert eine CD. Elf Songs sind geplant, die von elf verschiedenen Sängerinnen und Sängern interpretiert werden. Der Titel der Schreibe erklärt, was drauf, drin und drumherum ist. “Marco Launert“ heißt sie. Wen wundert’s…Lesen Sie diesen Bericht auch im Bocholter Stadtmagazin PAN […]

Serie 36,5 Grad: Sarah rockt!

Von BERTHOLD BLESESENKEMPER (Text und Foto)Die nietenbesetzte Mütze forsch nach hinten gedreht wie Skorpions-Sänger Klaus Meine,  zerrissene Jeans, rote Strähne im Haar und ein Dutzend bunter Festival-Bändchen am Arm, der lässig eine giftgrüne Dreiviertel-Gitarre hält. Zumindest äußerlich hat Sarah Hübers ihr Ziel bereits erreicht. Die elfjährige Bocholterin will Rockstar werden. Berufliche Alternativen interessieren sie nicht. „Einfach nur Rockstar“, bekräftigt die Schülerin.Der Anfang ist gemacht. Sarah trat bereits in der Casting-Show „The Voice Kids” auf, spielte als Vorgruppe bei einem Konzert der Sängerin Nena in Dinslaken, trat gemeinsam mit der Kelly-Family beim ZDF-Sommer-Hit-Festival auf und präsentierte sich erfolgreich als Straßenmusikerin beim „Bardentreffen“ in Nürnberg. Im Dezember erscheint Sarahs erste CD. So nähert sie sich Schritt für Schritt ihrem Traum. Für Marco Launert von der Rockschule Bocholt kommt diese Zielstrebigkeit nicht überraschend. „Irgendwann kamen Sarahs Eltern zu mir und erzählten, sie hätten eine Tochter zu Hause, die drei Stunden am Tag Gitarre übe. Sie fragten, was man da machen könne und ich sagte: Her mit ihr!“, schildert der Musikpädagoge. Seitdem unterrichtet er das Mädchen und baut es langsam auf. Seine Devise: Immer schön auf dem Teppich bleiben. Wie aber passt das zur Teilnahme bei „The Voice Kids“? Sarah Hübers sang dort vor knapp einem Jahr vor knapp 2,7 Millionen TV-Zuschauern und schied in der ersten Hauptrunde aus. „Wir haben uns vorher das Format genau angeschaut und ich muss sagen, das ist die einzig kindgerechte Casting-Show in Deutschland. Die geben sich da echt Mühe“, erklärt Launert. Zudem wollte Sarah unbedingt dahin. Und der Lehrer weiß, wie beharrlich die Elfjährige sein kann, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat. Für die Bocholterin ging es trotz des frühen Scheiterns am Ende gut aus. Die deutsche Musik-Ikone und Voice-Jurorin Nena lud die Bocholterin ein, bei einem Konzert in Dinslaken als Vorgruppe aufzutreten. Das war ein Highlight in der noch jungen Karriere der Gesamtschülerin. Im vergangenen August folgte das ZDF-Sommer-Hit-Festival, bei dem sie mit der Kelly-Familie auftrat, Seitdem ist es etwas ruhiger geworden. Hier mal ein Auftritt bei der Gewerbeschau Bocholt 4.0 oder beim Bokeltsen Treff, dort ein Konzert mit den anderen Schülern der Rockschule und dazwischen üben, üben, üben. Sarah macht das sichtlich Spaß. Die Gitarre im Arm zupft sie selbst beim Interview mit Made in Bocholt mal an dieser Saite, mal an einer anderen oder lässt das Plektron über das Griffbrett wandern. Irgendwie scheint bei ihr alles Musik zu sein. Fast alles. Denn ab und zu tauscht Sarah ihr Rocker-Outfit gegen ganz normale Mädchenkleidung, geht mit Freundinnen shoppen oder schlüpft ins Fußballtrikot des FC Grün-Weiß Lankern. So viel Zeit muss ein. Weitaus lieber jedoch als auf dem Platz steht die Bocholterin auf einer Bühne. Dort covert sie bekannte Songs erfolgreiche Rocker. Mehr und mehr gesellen sich dazu eigene Songs. Sarah weiß: Wer ein Star werden will, muss kreativ und unverwechselbar sein. Kopien sind im Showgeschäft auf Dauer nicht gefragt. Also schreibt das Mädchen gemeinsam mit Vater Thomas und Marco Launert und fleißig Texte und arrangiert Melodien, die zu ihr passen. Vorgetragen werden die bevorzugt laut. Ein echte Rockstimme muss bekanntlich röhren. Keine leichte Aufgabe für eine 11-Jährige. Was ihr an Stimme fehlt, macht Sarah mit Sympathie wett. Das Mädchen ist aufgeschlossen, freundlich und vor allem unkompliziert. Das macht es ihr leichter, mit dem frühen Ruhm umzugehen. Außerdem sind da noch die Klassenkameraden, ihre Eltern und der 15-jährige „große“ Bruder, die sie immer wieder in den ganz normalen Alltag zurückholen. Denn noch ist es nur ein Traum, das Leben als Rockstar. Und Träume sind für 11-jährige Mädchen das normalste der Welt.Lesen Sie diesen Bericht auch im Bocholter Stadtmagazin PAN […]

Serie 36,5 Grad: Urban Schneider – der Motorradphilosoph

 Von BERTHOLD BLESENKEMPERDie Garage ist sein Wohnzimmer. Hier gesellt sich das Milch- zum Ölkännchen, die Couch zur Werkbank, der Kaffeelöffel zum Schraubenschlüssel. In den Glasvitrinen liegen Zylinderköpfe statt Porzellanfiguren. In dieser Mischung aus Museum und Werkstatt lebt – zumindest zeitweise – Urban Schneider, Jäger und Sammler, Schrauber und Bastler, Motorradphilosoph. „Man muss schon manchmal ein wenig verrückt sein im Leben. Aber dafür macht es dann auch umso mehr Spaß“, erklärt der 50-jährige Bocholter seine Leidenschaft für Maschinen, die bevorzugt älter sind als er. Am liebsten mag Schneider die Gespanne mit Beiwagen.Begonnen hatte alles im Alter von 14 Jahren. Der Junge aus Holtwick durfte bei einem Bekannten mitfahren und fing sofort Feuer. Das war es. Das kam dem Traum von Freiheit und Abenteuer schon sehr nahe. Gleichwohl dauerte es noch etwas, bis sich Urban Schneider selbst motorisieren durfte. Den Anfang machte eine Mobylette, eine französische Mofa. Es folgten während seiner Ausbildung zum Industriekaufmann bei einer Bocholter Türenfabrik mit einer Honda MT8 ein Leichtkraftrad,  dann mit der R25/3 von BMW die erste schwere Maschine. Zahlreiche weitere folgten. „Heute habe ich so 14 oder 15, so genau weiß ich das nicht. Vier davon  sind fahrtüchtig“, berichtet Schneider.Der 50-Jährige versteht sich als Motorradfahrer, nicht als Biker. Der Unterschied zwischen den beiden „Spezies“ liegt im bevorzugten Tempo. Der Bocholter und seine Freunde reisen lieber statt zu rasen. Im so genannten „Blumenpflückermodus“ geht es über die Landstraßen. „Autobahn  fahre ich so gut wie nie“, erklärt Schneider.Mehr noch als das Cruisen liebt es das Basteln. Fast macht es den Eindruck, als freue er sich insgeheim, wenn die Maschine stottert oder das Getriebe knackt. Dann wird das unter Brennholz, Bier und Lebensmitteln verstaute Werkzeug ausgepackt und es geht los. Hämmern, schrauben, ausbeulen, abdichten – was nicht passt, wird passend gemacht. Das ist dem Bocholter derart in Fleisch und Blut übergegangen, dass er sich auch beruflich entsprechend verändert hat. Heute handelt Urban Schneider mit Frisörzubehör, berät die Handwerker bei der Einrichtung ihrer Läden und legt dabei liebend gerne auch selbst mit Hand an.Nicht anders ergeht es ihm in seinem Hobby. Hier paart sich die Kreativität mit historischem Wissen. „Man muss die Maschinen kennen, ihre Geschichte, ihren ursprünglichen Zweck“, erklärt der Motorradphilosoph. So mache es beispielsweise keinen Sinn, mit einer russischen IZH, die für den Einsatz in der Tundra in erster Linie robust und langlebig sei, über längere Zeit mit Höchstgeschwindigkeit zu rasen. „Dann geht sie eben kaputt“, so der Experte.Apropos Russland: Eine Tour über den im sibirischen Winter zugefrorenen Baikalsee würde Urban Schneider liebend gerne einmal machen. Alternativ träumt  er von einer Langstrecken-Reise durch Deutschland oder Schweden. Bis sich das realisieren lässt, bliebt es beim Wintertreffen in den Bergen oder dem Wochenendtripp durch die heimische westfälische Parklandschaft. Voraus fährt meist ein Freund aus Ahaus. „Der ist kann so schön langsam fahren, da komme ich erst gar nicht ins Versuchung schneller zu werden. Man will ja schließlich etwas sehen“, meint Schneider.Sehen ist die eine Sache, gesehen werden eine andere. Wo auch immer der Bocholter mit seinen Maschinen auftaucht, wird er umringt. „Man kommt mit den Menschen schnell ins Gespräch. Dann muss man erklären und erzählen“, berichtet er. Die meiste Aufmerksamkeit erzielt der 50-Jährige allerdings mit einer alten BMW R60/5 aus Polizeibeständen. Die fährt er am liebsten originalgetreu mit Wachsjacke und Jethelm und freut sich diebisch, wenn vor allem ältere Autofahrer im ersten Moment zusammenzucken, wenn sie ihn im Rückspiegel sehen oder er neben ihnen anhält. Ein Augenwinkern, dann gibt Urban Schneider vorsichtig Gas und cruist davon.Lesen Sie diesen Bericht auch im Bocholter Stadtmagazin PAN  […]

Serie 36,5 Grad: Mirjam mischt mit

VON BERTHOLD BLESENKEMPER (Text und Foto)Flüchtlinge sind Menschen. Sie leiden, lachen, lieben. Und sie haben ein Gesicht. Mirjam Enghy weiß das. Seit Jahren arbeitet die 31-Jährige Walhbocholterin mit ungarischen Wurzeln in Migrationsprojekten. Eines davon wurde jüngst in Hamburg mit dem Integrationspreis des Bundesbauministeriums in der Kategorie „Nachbarschaften“ ausgezeichnet. Mirjam Enghy kennt auch die Vorbehalte gegen Menschen aus fremden Länden und Kulturen. Und die 31-Jährige hat eine einfache Erklärung dafür. „Jeder trägt ein Brille. Wenn man dann versucht, die eines anderen aufzusetzen, sieht man erst mal unscharf und anders. Das ändert sich erst nach einiger Zeit“, meint die studierte Germanistin und gelernte Trainerin für Sozialkompetenz.Dass die Welt offenbar durch weitaus größere und vor allem klarere Gläser betrachtet als die meisten anderen Menschen, liegt vermutlich an Mirjam Enghys Kindheit. Mit fünf Geschwistern als Tochter eines evangelisch-reformierten Pfarrer-Ehepaares in einem ungarischen Dorf mit 3200 Einwohnern aufzuwachsen, war nach nicht immer leicht. „Wir mussten – wie unsere Eltern auch – ständig Vorbild für andere sein“ erinnert sich die heute 31-Jährige. Aber die Zeit sei auch „sehr schön“ gewesen, ergänzt sie schnell. Denn schon früh lernte Mirjam die sozialen Komponenten des Berufes – besser gesagt der Berufung – kennen: das menschliche Miteinander, die Bedeutung von Achtung und Anerkennung, Herzlichkeit und Wärme.Dennoch entschied sich Mirjam Enghy als junge Frau, einen anderen Werdegang einzuschlagen. Mit dem Rüstzeug von vier erlernten Fremdsprachen im Gepäck, ging sie nach Deutschland und studierte in Rostock Germanistik. Dann machte sie eine Ausbildung zur Fachkauffrau für Spedition- und Logistikdienstleistungen und arbeitete als Sales Managerin in einem international tätigen Unternehmen. „Aber das war auf Dauer nichts für mich. Mit fehlte der Umgang mit den Menschen“, so die Ungarin.Mirjam ließ sich am Bremer Institut für Pädagogik und Psychologie zur Sozialkompetenztrainerin ausbilden und heuerte bei der Arbeiterwohlfahrt in Lippstadt an. Hier entwickelte sie das Projekt „Flüchtlingen ein Gesicht geben“ mit und übernahm die Leitung der Gruppe “Migranten Mischen Mit“. Erklärte Ziel war es, überwiegend junge Flüchtlinge aus der Isolation herauszuholen und sie zu ermutigen, Kontakt zu ihren deutschen Nachbarn aufzunehmen – und umgekehrt. Die Arbeit war so erfolgreich, dass sie gleich mehrfach mit Preisen ausgezeichnet wurde.Dennoch ging Mirjam Enghy weg. Sie lernte in Lippstadt ihren heutigen Verlobten kennen und zog nach einiger Zeit zu ihm nach Bocholt. Eine neue Aufgabe fand sie beim Bildungszentren des Baugewerbes (BZB) in Wesel. Hier arbeitet sie im Projekt „Perspektiven für junge Flüchtlinge im Handwerk“ mit.Ein Patentrezept für den Umgang mit Menschen aus Kriegs- oder Hungergebieten kennt auch sie nicht. Nur soviel weiß Mirjam Enghy: „Man muss die Menschen in erster Linie als Menschen betrachten. Sie kommen aus völlig anderen Kulturen mit völlig anderen Regeln. Sich hier anzupassen, dauert einfach seine Zeit“, erklärt die 31-jährige. Selbst Europäern falle es manchmal schwer, deutsche Gepflogenheiten zu verinnerlichen, weiß Mirjam Enghy aus eigener Erfahrung. Absolute Pünktlichkeit sei dafür ein gutes Beispiel.Gleichwohl verkennt die 31-Jährige nicht, dass Integration zum großen Teil auch Anpassung ist. Die Sprache spiele dabei eine ganz wichtig Rolle. Geduld sei ebenso essenziell. Und manchmal eben auch Konsequenz. Wer gegen Regeln verstoße, ohne das daraus spürbare Konsequenzen für ihn erwachsen, sei nur schwer zu Veränderung seines Verhaltens zu bewegen, meint die 31-Jährige.Apropos: Für Mirjam Enghy selbst stehen demnächst ebenfalls Veränderungen an. Im September wird geheiratet. Danach zieht sie mit ihrem Mann von Bocholt nach Werth in ein eigenes Haus. Dann heißt es wieder, Koffer packen, alte Nachbarn verlassen und neue begrüßen. Mirjam Enghy lacht und verrät das Geheimnis ihrer spürbaren Gelassenheit: „Ich habe nie das Gefühl gehabt etwas aufzugeben, sondern mich immer darauf gefreut, etwas Neues kennenzulernen.“Lesen Sie diesen Bericht auch im Bocholter Stadtmagazin PAN […]